
Taufe des Herrn, Jahr B // zum Evangelium
Geistkraft, Weisheit, Taube: Ein biblisches Wortgeflecht
Da kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes versuchte ihn davon abzuhalten und sagte: »Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?« Jesus antwortet ihm: »Lass es zu, jetzt! Denn auf diese Weise erfüllen wir die ganze Gerechtigkeit Gottes.« Da gab Johannes nach. Als Jesus getauft war, stieg er gleich aus dem Wasser. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. Und seht, eine Stimme sprach aus den Himmeln: »Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.«
(Matthäusevangelium, Kapitel 3, Verse 13-17)
Bilder und Worte, über zwei Jahrtausende weitergegeben, angeeignet, fortgeschrieben und gemalt: Es sind gute Worte, die immer noch Kraft entfalten können. Der offene Himmel, die Taube, die Stimme, Licht auf dem Wasser - die Szene bewegt, auch so viele Generationen später noch. Und wenn man das Vokabular der Zeit nochmal neu zu buchstabieren versucht, dann erschließt sich noch mehr. Es ist der Versuch, zu hören, wie die Geschichte damals klang - bevor sich für uns alte Klangräume verschlossen und neue geöffnet haben. Aber es ist keine Restaurierung für ein Museum, sondern ein Versuch, mehr zu hören und die Bilder in einer größeren Weite zu sehen.
Zunächst einmal ist da der Fokus des Matthäus, Jesus als Kind der Weisheit zu zeichnen. Wie auch das Stichwort der Gerechtigkeit durchzieht dieser Grundton sein Evangelium, ähnlich wie bei Lukas das Motiv der Fülle für die Armen. Wichtig dabei ist, dass damit nicht die Tradition, die von der Weisheit in weiblichen Bildern spricht, korrigiert werden soll, sondern dass die Bewegung genau umgekehrt ist: Matthäus verwendet Worte wie "Niemand kennt den Vater, nur der Sohn" (Mt 11,27) und direkt damit verbunden die Zusage "Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid" (Mt 11,28) nicht, um die Weisheit zu vermännlichen, sondern um Jesus in die Weisheitstradition einzuschreiben und damit zu erschließen, wer Jesus für die Seinen sein kann. Denn das gegenseitige Kennen in seiner letzten Dimension hatte die Tradition bis dahin nur Gott und der Weisheit zugeschrieben: Die Weisheit "ist in Gottes Wissen eingeweiht und hat teil an seinen Werken." (Weish 8,3). Und die Weisheit ist es, die einlädt "Kommt her zu mir alle, die ihr nach mir verlangt, und sättigt euch an meinen Früchten...." (Sir 24,19) Nicht die Sohn-, sondern die Weisheitstradition setzt hier den Ton. Das ist wichtig, weil gerade der Ausspruch vom Vater und Sohn, die einander kennen, oft dafür verwendet wird, weibliche Rede von Gott zu delegitimieren. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: "Die fließende Geschlechtssymbolik, die die biblische Christologie nachweist, löst den Würgegriff eines androzentrischen Denkens, das um das Mannsein Jesu kreist." (Elizabeth Johnson, Ich bin die ich bin, Düsseldorf 1994, 140)
Dann ist es das gemeinsame Anliegen von Jesus und Johannes, "die ganze Gerechtigkeit Gottes" zu erfüllen, auch dies, wie gesagt, ein für Matthäus prägendes Stichwort, das beim Propheten Jeremia mit der Sohnesverheißung verbunden wird, die für die messianischen Erwartungen zur Zeit Jesu so wichtig ist (Jer 23,5-6; 33,15-16).
Die Stimme vom Himmel ist im jüdischen Stichwort ebenfalls ein weibliches Element, nämlich die Bat Qol, die Tochter der Stimme - ein göttlicher Nachhall, als die biblische (Schrift-)Prophetie verstummt. Sie aktualisiert Gottes Verkündigung nach dem Ende der prophetischen Schriftproduktion, ein lebendiges Echo, das Jesus nun als geliebten Sohn bezeugt. Und auch dieser geliebte Sohn hat ersttestamentliche Vorbilder, nämlich in Isaak, als Abraham ihn zu opfern bereit war (Gen 22,2), und im Bild beim Propheten Hosea, wo Gott Israel, das geliebte Kind, in Gnaden wieder heimholen will (Hos 11,1) - das Kind, dem Gott getragen und laufen gelehrt hat (Hos 11,3) wie eine Mutter und dem gegenüber Gott von aller patriarchalen Gewalt Abstand nimmt mit der einzigen ausdrücklichen Aussage zu Gottes Geschlecht im gesamten biblischen Text: "Gott bin ich und kein Mann." (Hos 11,9) Dass schon die erste griechische Übersetzung des hebräischen Textes, die Septuaginta, hier "Mensch" einträgt und dem Vers dadurch die Sinnspitze nimmt, ist ein Problem für sich - genau wie die unverständliche Entscheidung der Einheitsübersetzung, hier dem griechischen Text zu folgen anstatt, wie der anerkannte Standard verlangt, dem hebräischen.
Und mit der Stimme vom Himmel, der Tochter der Stimme, kommt die Geistkraft wie eine Taube auf Jesus herab. Hier zeigt sich zum einen die enge Verzahnung von Weisheit und Geistkraft - beides Kräfte, die die Welt durchwalten, durchdringen, in Bewegung setzen und für Lebendigkeit sorgen - und beide im hebräischen Denken weiblich. Matthäus verwebt nun das Bild der Geistkraft nicht nur mit dem der Weisheit, sondern auch mit der Taube bzw. der Vogelmutter. Die Taube ist im Mittelmeerraum der Zeitenwende ein internationales Symbol für zärtliche Liebe, weil ihr Paarungsverhalten auf Menschen sehr liebevoll wirkt. Verschiedene Religionen kennen sie darum als Symbol für die weibliche Gottheit der Liebe und der Fruchtbarkeit. Das Weisheitsdenken der zwischentestamentarischen Zeit (ja, der Begriff ist problematisch...) wehrt diese Assoziationen nicht ab und bekämpft sie nicht, sondern integriert sie in den Glauben Israels als eines der weltzugewandten Gesichter Gottes. Im Kontext der hebräischen Bibel ist dieses Bild gut anschlussfähig, weil das Motiv der bergenden oder das Junge tragenden Vogelschwingen hier geläufig ist, um den Schutz und die Fürsorge ins Bild zu bringen, die Gott den Menschen entgegenbringt. Neben den nicht näher bestimmten Schwingen, die den*die überschatten, der*die im Schutz Gottes steht (Ps 91,1.4), sind dies vor allem Geierschwingen - im Gefolge der Septuaginta im Deutschen in der Regel leider mit "Adler" übersetzt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das Bild der Taube für die Geistkraft hat sich im Christentum gehalten. Leider ist damit die Assoziation mit der gewaltigen, ungezähmten, stürmischen, lebensspendenden, bewahrenden, ins Weite führenden Geistkraft weitgehend verloren gegangen. Sie und ihre Macht stehen aber im Hintergrund des zärtlichen Bildes, denn Liebe hat viele Gesichter, Das Bild der Taube hat den Nachteil, dass es geeignet ist, die Gestaltlosigkeit der Weisheit und ihr gewaltiges Drängen zu zähmen und zu verdecken. Wenn sich der Himmel öffnet und die Geistkraft herabkommt, dann ist es diese, die im Buch der Weisheit mit dem funkelnden Wortschatz von drei mal sieben Attributen vorgestellt wird. Solcherart, so legt es Matthäus nahe, ist auch das Wesen Jesu:
Gedankenvoll, heilig, einzigartig, mannigfaltig, zart, leichtbeweglich, durchdringend, rein, klar, unverletzlich, das Gute liebend, scharf, nicht zu hemmen, wohltätig, menschenfreundlich, verlässlich, sicher, sorgenfrei, alles vermögend, alles überwachend und alle Geister durchdringend, auch die denkenden, reinen und zartesten. (Weis 7,22f)