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2. Sonntag nach Weihnachten A // zur 1. Lesung und zum Evangelium

Im Anfang war die Weisheit...

In der Spätzeit der Enstehung des Ersten Testaments, als die Gottheit Israels immer transzendenter wurde, bekam Gott weltzugewandte Gesichter, die mit einer gewissen Eigenständigkeit in dieser Welt unterwegs sind. Bekannt ist bei uns vor allem das Wort Gottes, das bewirkt, wozu Gott es ausgesandt hat (Jes 55), und die Weisheit Gottes, die mit göttlicher Vollmacht auftritt. Diese Weisheit wird als Frauenfigur gezeichnet, auch wenn der Titel und Name "Frau Weisheit" so nicht verwendet wird. Erst vor dem Hintergrund aber, dass das Wort Gottes in der Welt unterwegs ist und die Weisheit unter den Menschen ihr Haus baut, wird eine Vorstellung wie die von Jesus Christus als "Wort Gottes" verständlich. 

Gegen Ende der so besonderen wie interessanten religionsgeschichtlichen Entwicklung, in der die Gottheit Israels immer entzogener wurde - eine einzige Gottheit über und hinter allem, die in kein Bild passt und für die jeder Name zu klein ist -, wird klar, dass Gott auch für rein männliche (Sprach-)Bilder zu groß ist. Wenn Gott für die Schöpfung mit ihrer geschlechtlichen Vielfalt verantwortlich ist, und wenn es nur eine einzige Gottheit gibt, dann muss sie in männlichen wie in weiblichen Bildern auftreten können, alles andere wäre zu klein. 

Das Bild der Frau Weisheit, die an allen öffentlichen Plätzen der Stadt spricht, nämlich auf den Gassen, auf den Plätzen und im Tor, und sich dort Gehör verschafft, ist das Bild einer vitalen, lebensfrohen Gestalt. Die Weisheit ist eine überaus freigiebige Gastgeberin - sie gibt Speise für den Alltag (Spr 8,5) und für das Fest (Spr 8,2), sie lädt alle Hörwilligen ein (Spr 8,4), nicht nur die, die sich ohnehin schon als ihre Gäste qualifiziert haben. Bei ihr zu Gast zu sein, ist eine lustvolle Angelegenheit, sie ist keine verknöchterte Morallehrerin, sondern sie lädt ein zur Erfahrung von Fülle und Verbundenheit, wenn das Herz froh und auch die Seele satt wird. Denn die Weisheit liebt die Menschen (Spr 8,17) und gibt ihnen Land - das rückt sie sehr nah an Gott heran, weil nur Gott das Land geben kann. 

Sehr explizit wird im Buch der Sprichwörter 8,22-31 die Weisheit als zuerst geschaffenes Wesen vorgestellt und damit der erste Schöpungshymnus in Genesis 1 ausgedeutet - die Weisheit ist ebenso vor aller Schöpfung zugegen wie die Ruach Gottes, die über der gestaltlosen Urflut braust. Die Weisheit wurde gewoben und von JHWH geboren (Spr 8,24f). Denn selbstverständlich kann Gott unter Wehen gebären, da Gott ja kein Mann ist, und tut das auch des öfteren im biblischen Text (etwa in Dtn 32,18, in Ps 90,2 oder in Jes 42,14).

Das Buch Jesus Sirach bietet nun im 24. Kapitel eine innerbiblische Rezeption des Lobs der Weisheit im Buch der Sprichwörter, Kapitel 8. Es vergeistigt die Gestalt der Weisheit insofern, als die Weisheit hier nicht mehr von JHWH unter Wehen geboren wird, sondern aus Gottes Mund hervorgeht (Sir 24,3). Ähnlich geht es später Jesus von Nazareth, dessen Geburt im Lauf der Erzählgeschichte auch zu einer unblutigen Angelegenheit wird. Allerdings tritt die Weisheit auch im überaus attraktiven Kleid der Baumgöttin auf (Sir 24,13-19). Spätestens im Buch Jesus Sirach, obwohl es unter dem Einfluss eines durchaus sexualpessimistischen und frauenfeindlichen Zeitgeist entstand, findet sich also eine gewichtige Stimme gegen das so zweifelhafte, gleichwohl so lange und bis heute noch wirkende Konzept, das Männer mit Geist, Frauen aber mit Körperlichkeit identifiziert.

Die Weisheit ist, wie gesagt, wie das Wort Gottes mit einer gewissen Eigenständigkeit in der Welt unterwegs, und im Buch Jesus Sirach, Kapitel 24, nimmt sie in Jerusalem Wohnung, um in Israel zu Hause zu sein. Sie sorgt dafür, dass Gottes gute Weisung, die Tora, in Israel gegenwärtig ist und zum Gelingen des Lebens führt. Und sie ist eine Gestalt, die die ganze Schöpfung mitprägt, weil sie schon vor aller Schöpfung war: "Vor der Ewigkeit, von Anfang an, hat er mich erschaffen und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht." (Sir 24,9)

Die Vorstellungen vom Wort aus Gottes Mund und von der Weisheit aus Gottes Schoß gehen so ineinander auf und über, dass die entsprechenden griechischen Begriffe "Logos" und "Sophia" in der zwischentestamentarischen Zeit zu austauschbaren Begriffen werden. Wenn das Johannesevangelium also mit den Worten "Im Anfang war das Wort/die Weisheit" beginnt, dann ist das einerseits sehr klar eine Auslegung von Genesis 1: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Und es bringt eine heute nicht mehr sehr bekannte Vorstellung ins Wort, die doch in den ersten Generationen der Jesusgläubigen ausgesprochen anschlussfähig war, nämlich die von Jesus als Sohn der Weisheit bzw. Verkörperung der Weisheit: Darum bezeichnet Paulus Jesus auch als "Weisheit Gottes" (1 Kor 1,24). Ohne diese Identifizierung von Jesus mit der Weisheit wäre es auch sehr schwierig, herzuleiten, warum Jesus als präexistent geglaubt werden konnte. Das war eine Folge der geläufigen Vorstellungen von der Weisheit, die auf Jesus angewandt wurden und von da aus im entstehenden Christentum eine neue Gestalt annahmen.

In der Trennung der Wege der beiden entstehenden getrennten Religionen Judentum und Christentum vollzieht sich nämlich eine Art Gütertrennung: Der Begriff der Weisheit wandert zum Judentum, der Begriff des Logos zum Christentum. Logos ist als männliches Wort auf Dauer leichter anzuwenden auf Jesus von Nazareth, und es mag dazu beigetragen haben, dass das Christentum sich in den philosophischen Debatten seiner Entstehungszeit mit Jesus als Verkörperung des Logos besser gerüstet sah. In Westrom gingen die Eigenschaften der Weisheit dann mit und mit auf Maria über, während die Heilige Weisheit im oströmischen Christentum eine Gestalt der Ikonengalerie blieb. Darum hat das orthodoxe Marienbild weniger königliche Züge als das westliche, und darum haben die orthodoxen Kirchen so ein großes Problem mit den katholischen Mariendogmen.

Jesus als Sohn oder als Verkörperung der Weisheit ist uns heute recht unvertraut. Wir haben die genderqueeren Elemente von Vorstellungen wie der göttlichen Geburt weitgehend verdeckt, sie sind überlagert vom Konzept des Wortes, das aus dem Mund Gottes hervorgeht, und dadurch vermännlicht worden. Aber es ist doch das Fest der Frau Weisheit, das durchscheint, wenn Jesus mit den zweifelhaften Gestalten seiner Zeit isst und trinkt und dazu feststellt: "Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen." (Mt 11,19)