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2. Sonntag im Jahreskreis A // zum Evangelium

Am nächsten Tag sah Johannes Jesus zu sich kommen und sagte: »Hier ist das Lamm Gottes, das das Unrecht der Welt aufhebt. Dieser ist es, über den ich gesagt habe: ›Nach mir kommt einer, der vor mir entstanden ist, denn er war früher als ich‹. Ich kannte ihn nicht, sondern: damit er für Israel sichtbar werde, deshalb bin ich gekommen, um mit Wasser zu taufen.« Und Johannes bezeugte und sagte: »Ich habe die Geistkraft wie eine Taube aus dem Himmel herabkommen sehen und sie blieb auf ihm. Ich kannte ihn nicht, aber der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, jener hat mir gesagt: ›Der, auf den du die Geistkraft herabkommen siehst und auf ihm bleiben, dieser ist es, der mit heiliger Geistkraft tauft.‹  Und ich habe gesehen und bezeuge, dass dieser der Erwählte Gottes ist.«

(Johannesevangelium, Kapitel 1, Verse 29-34)

Lamm Gottes, Träger der Geistkraft, Sohn Gottes: Im Johannesevangelium kommen in der Begegnung Jesu mit dem Täufer sehr verdichtete Bilder zusammen. Diese Bilder sind uns zwar vertraut, aber die Metaphern entwickeln ein Eigenleben, wenn der ursprüngliche Verstehenskontext nicht mehr besteht, etwa die rituelle Praxis des Opferns und ihre allmähliche Übertragung auf ethische Forderungen.

Zunächst einmal stehen die Evangelien alle vor der Herausforderung, von Jesus in seinem Verhältnis zu Johannes zu erzählen, tauft Johannes doch auf die Vergebung der Sünden. Das ist seinerseits ein kreativer Umgang mit verschiedenen religiösen Traditionen, denn das Tauchbad stellt den normalen Zustand der rituellen Reinheit wieder her, wenn Menschen der Grenze von Leben und Tod zu nahe gekommen sind. Es führt zurück auf die sichere Seite des Lebens und ist also ein Mittel, mit der Gegenwärtigkeit des Todes im Leben ins Reine zu kommen. Das Opfer aber dient der Vergebung der Sünden. Dabei ist essentiell, dass Gott nicht durch ein Opfer versöhnt werden muss - dieser Gedanke kommt viel später in die Tradition, besonders intensiv entfaltet durch Anselm von Canterbury im 13. Jahrhundert. Im Gegenteil, in der Konzeption des Ersten Testaments schenkt Gott Versöhnung. Für "Opfer" gibt es verschiedene Vokabeln im Hebräischen, und nicht von ungefähr ist das Schlachtopfer שְׁלָמִים šəlāmîm abgeleitet vom Verb "bezahlen/vergelten" und daher verwandt mit dem Frieden, dem Schalom, also dem Zustand der Ausgeglichenheit. Das Opfer dient dann dem Bekenntnis von Schuld und dem Abtragen der Schuld, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, das durch Schuld gestört wurde - unter den Menschen und zwischen den Menschen und Gott. Denn wenn Gott Vergebung schenkt, dann ist das Opfer die notwendige Gegengabe. Johannes nun verbindet beide Traditionen, das Tauchbad zum Reinwerden mit dem Opfern als Abtragen des Geschuldeten - nun realisiert sich Sündenvergebung ohne eine Gegengabe. Umso gewichtiger ist der Verpflichtungscharakter der Taufe auf ein Leben in Gerechtigkeit, in das diese Taufe hineinführt. Zugleich transformiert Johannes das Tauchbad von einer Handlung, die ein Mensch selbst und wiederholt vollzieht, zu einem Zeichen der Umkehr, das notwendig einmalig bleibt, soll die Umkehr echt sein, und das von einem anderen an den Einzelnen vollzogen wird. Beide Elemente werden sich später in der christlichen Taufe wiederfinden.

Wenn Jesus sich nun von Johannes taufen lässt, ist das eine Herausforderung, weil damit die Frage auftaucht, ob Jesus denn überhaupt die Taufe und mit ihr die Umkehr nötig gehabt haben könne. Die Evangelien beantworten sie im Lauf der Zeit unterschiedlich: Während sich für Markus das Problem nicht stellt, sondern er einfach von einer Taufe Jesu durch Johannes ausgeht, impliziert Matthäus schon, dass Jesus die Taufe nicht gebraucht hätte. Lukas bringt die Taufszene nur als Hintergrundbild, vor dem sich die Geistgabe abspielt, und bei Johannes schließlich wird der Vollzug der Taufe gar nicht mehr erzählt, denn Jesus spielt als das menschgewordene Wort Gottes – damals noch deckungsgleich mit der Weisheit Gottes – in einer anderen Liga.

Das Johannesevangelium verbindet dann verschiedene Metaphern, um Leben und Tod Jesu auszudeuten. Es verbindet nämlich das vierte Lied vom Gottesknecht aus dem Buch Jesaja (Jes 53), das die Erfahrung verarbeitet, dass ein einzelner unschuldig leidet und stirbt und damit Rettung für die Gemeinschaft erwirkt, mit dem Motiv des geopferten Pessachlamms. Das Pessachopfer wiederum hat seinen Ursprung wohl in einem deutlich älteren Ritual der Dämonen-Abwehr und wird zur Zeit des 2. Tempels umgedeutet zu einem Gedenk- und Dankritus für die Erfahrung der Befreiung im Auszug aus Ägypten. Beides zusammengenommen ergibt eher assoziativ als in strenger Logik ein Bild, in dem das vergossene Blut des leidenden Gottesknechts, der stellvertretend für alle stirbt, für die Seinen den Eintritt in die Sphäre des Reiches Gottes bedeutet, in dem die Sündenstrukturen der Welt letztlich keinen Zugriff mehr auf sie haben - so wie in der Exodus-Erzählung alle vor dem Tod der Erstgeborenen geschützt waren, an deren Häusern die Türpfosten mit dem Blut des Pessachlammes bestrichen waren. 

Die Rede vom Opfer und vom Opferlamm und ihre Verbindung mit dem Motiv des Sohnes Gottes - wobei nicht das Geschlecht, sondern die Beziehung im Zentrum steht - kann dazu führen, toxische Gottesbilder eines gewalttätigen Vaters zu zeichnen und Menschen spirituell zu demütigen. Diese Gefahr ist umso größer, je gröber und verzerrter die Vorstellungen vom ersttestamentlichen Opfergedanken werden. Dann kann aus dem Versuch, das Sterben Jesu ins Vertrauen in Gottes Zuwendung einzubetten, eine ausgrenzende Kultpraxis werden, die Männlichkeit überhöht und aus der geschenkten Vergebung ein von Priestern verwaltetes Machtinstrument über die Gewissen macht. Daher ist es wichtig, die Bilder und Metaphern nicht zu verabsolutieren, sondern in ihrer Vielfalt im Gedächtnis zu behalten und in der Auslegung immer auf Jesu solidarische, befreiende Praxis zu beziehen. Jesu Tod ist nicht einzuordnen in ein schlüssiges System von vorausgeplanten Abläufen und Abhängigkeiten.

Wenn man aus ihnen kein streng logisches System machen will, sind die Bilder aber auch heute noch verstehbar. Sie sprechen davon, was Gewalt anrichten kann. Sie sprechen von seinem Mut, die Treue Gottes auch angesichts einer Unrechtsjustiz zu bezeugen, bis in den Tod hinein, weil die Treue Gottes über den Tod hinaus reichen wird. Sie sprechen von einem großen Frieden hinter der Gewalt, von einer Macht-zum-Leben, auf die die Gewalttäter keinen Zugriff haben. Sie sprechen von Gemeinschaft, die genau das bezeugt, und die trägt.

Sie wissen wie wir um die Ohnmachtserfahrung, wenn das Recht des Stärkeren siegt. Sie wissen von der Hingabe, die Menschen fähig macht, für andere ihr Leben zu geben. Letztlich fragen sie, auf welcher Seite wir stehen wollen, wenn Menschen der Gewalt zum Opfer fallen, und wie wir uns die Hoffnung darauf bewahren, dass diese Gewalt nicht das letzte Wort haben wird. 

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