
Karfreitag
Konfrontiert mit den Worten der Passion - der Hinrichtungsbeschreibung -, bleibt mir erst einmal nur Stille. Weil es nichts mehr zu sagen gibt, weil es solche zutiefst ungerechte Gewalt gibt, weil die Lust an der Grausamkeit mir die Sprache raubt, weil sich hier absolute Abgründe auftun.
Ich will die Abgründe nicht direkt wieder füllen, mit Erklärungen, mit Lösungsansätzen, mit irgendwelchen Versuchen, sie aushaltbar und erträglich zu machen. Ich stehe vor diesen Abgründen und versuche, da zu bleiben und zu fühlen. Und auf einmal nehme ich wahr: Es hat sich etwas verschoben. In den letzten Jahren habe ich mich mit der Frage nach dem Leiden auseinandergesetzt, nach Hoffnung angesichts des Leidens, ich habe über Erleiden des Schreckens nachgedacht, über Gottes Anteil daran auch. In diesem Jahr fühle ich etwas anderes: Zorn.
Zorn über die Gewalttäter, Zorn über diese ganze Gewalt, die kein Ende nimmt, und es ist allermeistens patriarchale Gewalt. Gewalt, die es gibt, weil es ungleiche Machtverhältnisse gibt, Dominanz, Über- und Unterordnung. Zorn über diese ganze Gewalt, die systematisch verübt wird, organisiert, finanziert und legitimiert. In der römischen Provinz Palästina in anderer Weise als hier und heute, denn ein paar Fortschritte gab es ja doch seither - aber anderswo auf der Welt geschieht die Macht- und Gewaltausübung immer noch so roh, unverschleiert und brutal wie dort und damals. Fast fällt die Menge da nicht mehr ins Gewicht, die erst bei Pilatus seinen Tod forderte und dann bei der Hinrichtung ihre aufgestaute kleinliche Wut auslebte, ihren Hass, ihre Häme, ihre Verrohung, ihre Genugtuung daran, ein Ventil für diesen Hass zu haben und dem, der ohnehin schon zum Äußersten leidet, noch ihre Verachtung mitzugeben.
Ich merke, wie mein Zorn wächst, über die Gewalttäter, über die Gewalt. Ausgerechnet ihn bringen sie so um, der doch das Gegenteil dieser Gewalttätigkeit gewesen war. Er hatte Menschen ins Leben geholt, sie gerufen, sodass sie mühelos aufstehen konnten, ihre Not gesehen, keine Unterschiede gemacht. Hatte mit Frauen und Männern geredet, gestritten, gegessen, gefeiert, hatte von Gottes Weite gesprochen und diese Weite in ihr Leben gebracht, hatte Horizonte geöffnet und Schuld klein werden lassen, hatte die Dämonen vertrieben, die Menschen im Griff hielten, die sie festhielten in schrecklichen Erfahrungen, ihnen die Sprache geraubt hatten, deren Anwesenheit nur erträgrlich war, wenn sie von Selbstverletzung übertönt wurde. Er hatte den Schrecken ihre Macht genommen und Menschen zurück ins Leben geholt, in die Erfahrung von Gemeinschaft und Verbundenheit. Manchmal hatte er ein gewisses Höflichkeitsdefizit an den Tag gelegt, auch gegenüber Frauen - ein Gentleman war er wohl nicht gewesen. Aber er hatte Frauen behandelt als Menschen wie alle. Und richtig ungehalten wurde er nur, wenn Männer Frauen erniedrigten. Da wurde sein Ton unmissverständlich und scharf: Als er in ein Lehrgespräch über das Aufstehen aus dem Tod verwickelt wurde und die, die das für Quatsch hielten, das Beispiel der Frau brachten, die sieben Männer in Folge überlebt hatte - wessen Frau wäre sie nun nach dem Aufgewecktwerden aus dem Tod? Ja da lohnt sich das doch gar nicht, wenn man dann nichtmal die Frau kriegt! Höhöhö! Er lacht nicht mit. Im Gegenteil: Zum einzigen Mal eskaliert er hier so, dass er ihnen das Wort abschneidet: "Ihr irrt!" Und dann da, als die Frau, die genau gespürt hatte, was ihm bevorstand, ihm den Kopf salbte wie einem König, so dass er ihr Messias wurde, ihr Gesalbter, der aus anderen Quellen lebte, aus anderer Kraft - da hatten die Männer um ihn herum noch überhaupt keine Ahnung, was das bedeuten könnte, und hielten das für völlig überflüssig. Sie rochen nicht das kostbare Öl, sie erkannten die Geste nicht, und sie überschätzten sich noch total: Niemals wollten sie ihn verlassen! Aber das mit dem Öl, das brauchte es in ihren Augen nicht, das war Gedöns, mehr noch, das war totaler Wahnsinn. 300 Denare war es wert, ein Denar war der Tageslohn eines Arbeiters. Ein Jahresgehalt! Man hätte es verkaufen können und soviel Gutes damit tun können! Anstatt dass sie der Frau zugetraut hätten, dass sie wusste, was sie tat, und verblüfft geschwiegen hätten: Warum tat sie das? So eine verschwenderische Liebe hätte sie doch stutzig machen können, aber sie rechnen nach. Und auch da ist Jesus unmissverständlich und klar: Lasst sie in Ruhe! (Obwohl das Nachrechnen mich auch verblüft: Das wären heute um die 55000 €. Hammer.)
Ihr irrt! Lasst sie in Ruhe! Und ausgerechnet ihn bringen sie jetzt so um. Ausgerechnet ihn, für den doch wirklich gelten konnte: Nicht alle Männer. Er nicht. Er stirbt überall dort, wo solche Gewalt sich Bahn bricht. Was würde er sagen zur Verachtung, zum entfesselten Hass, Hass gegen Frauen vor allem, Hass aber auch gegen alle, die den harten Männlichkeitsidealen nicht entsprechen, der sich heute auch digital Bahn bricht? Ich fühle meinen Zorn und darin auch meine Hilflosigkeit.
Wenn ich dann versuche, dem als Theologin auf die Spur zu kommen, dann finde ich vor allem was über den Zorn Gottes, und da ist direkt mal Ende für mich. Ein Gott, der sich so dermaßen nicht im Griff hat, dass er so eine Sühne braucht, da werde ich lieber glühende Atheistin. Aber ernsthaft ist das überhaupt keine Option für mich, in diese Richtung zu denken. Und wenn ich etwas lese wie "Gott liebt die Wut weg" - dann denke ich: Nein. Auch das will ich nicht. Ich will nicht, dass diese Wut, dieser Zorn einfach weggeliebt werden. Ich will, dass es aufhört. Mit so einer Auflösung ins Wohlgefallen ist es nicht getan. Und dann wendet sich mein Zorn auch gegen eine Theologie, die alles so ruhig erklären kann, Abgründe überbrückt, Unaushaltbares handhabbar macht, die nicht mehr erschrickt, die sich nicht beirren, schon gar nicht erschüttern lässt.
Ich bin immer noch still, nach dem Hören der Passion, und fühle meinen Zorn, und würde am liebsten alles anzünden, und noch viel mehr, wenn daran denke, wie viele Menschen gar nicht verstehen, warum ich, warum so viele Frauen gerade so wütend sind. Und in der Stille, in meinen Zorn hinein, frage ich mich, wie er gewaltlos bleiben konnte. Und ich ahne, dass in dieser Gewaltlosigkeit eine Kraft steckt, die der Gewalt den Boden entzieht. Mein Zorn ist noch da, aber es mischt sich eine Frage hinein: Wie weiterleben? Wieviel Mut braucht es, solches gesehen zu haben wie Maria und seine anderen Freundinnen, und weiterzuleben? Wieviel Mut braucht es, wieviel Todesmut, wieviel Lebensmut, da zu bleiben, nicht alles anzuzünden, weiterzuatmen, weiter Teil dieser Welt zu sein?
Mehr aus einer Ahnung heraus probiere ich aus, das mit dem Psalm zu versuchen, den er sterbend gebetet hat: Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen. Du anrwortest nicht. Aber du bist heilig, du wohnst in den Lobliedern Israels. Aber ich, ich ertrage es nicht, ein Mensch zu sein. Um mich herum ist so viel Gewalt, die Menschen entblößt, entwürdigt, zum Verstummen bringt. Sei nicht fern.
Der Psalm löst nichts auf. Er nimmt nichts zurück. Er hilft, weitezuleben. Er lässt sogar denkbar erscheinen, wieder mit anderen Menschen zu sprechen, zu essen, irgendwann auch zu feiern. Todesmutig, lebensmutig: Vielleicht ist Mut Zorn, der gebetet hat. Hindurchgegangen, könnte es möglich sein, anderen Menschen wieder zu vertrauen. Nicht alles anzuzünden. Etwas aufzubauen, das dieser ganzen Gewalt eine Absage erteilt. Durchlebte, durchstorbene, durchlittene Worte, die nichts aufheben, aber etwas ahnen lassen von einem größeren Horizont. Nicht ein großes Ziel, für das kleine Leute eben geopfert werden, sondern die Ahnung eines Leben aus einer anderen Quelle, aus einer anderen Kraft, aus einer, die auch die brutalste Armee nicht besiegen kann, heiße sie nun Hoffnung auf Gerechtigkeit, oder Hingabe, oder Liebe.
Und damit verschiebt sich wieder etwas: Mein Zorn wird gesammelter. Er könnte wohl, wenn ich ihn lasse, wenn ich ihn nicht einfach niederbrennen lasse, zu Mut werden. Vielleicht ist das ein Schutz vor der Übermacht der Verzweiflung, vor der Ohnmacht der Wut. Ich schaue auf ihn, der da stirbt. Der so viele Menschen aufgerichtet hat. Der der Verzweiflung nicht das letzte Wort gelassen hat. Der so unfassbar mutig war, nicht zu fliehen, sondern mit seinem Leben zu bezeugen, dass er sich sicher war, dass es eine Kraft jenseits dieser brutalen Gewaltordnung gibt, eine Kraft zum Leben, die dem Leid kein Ende bereitet, und die doch wirkt. Die Frau, die ihn gesalbt hatte, hatte das gespürt und in ein mächtiges Zeichen verwandelt: Dieser lebt aus einer anderen Kraft. Die ihn ermordeten, hatten keine Ahnung von dieser Kraft. Niemand, die oder der andere Menschen herabwürdigt, misshandelt, verachtet, hat Zugang zu ihr. Diese Kraft zum Leben, die ich nur anfanghaft zu fassen bekomme, sie möge verhindern, dass ich erstarre und mich der Verzweiflung überlasse. Sie möge meinem Zorn eine Richtung geben, meinem Zorn, der gebetet hat. Sie ist die Kraft, aus der heraus Menschen sich verbünden und der Gewalt nicht das letzte Wort lassen. Diese Kraft zum Leben gibt keine Antworten. Sie ist undurchdringlich, sie bereitet dem Leiden kein Ende. Aber sie reicht tiefer als alle Erklärungen und ist tragfähiger als alle Gewalt und Macht dieser Welt. Sie webt eine Verbundenheit im Leid wie im Heilsein, die tiefer reicht als aller Zusammenbrucht. Sie hält die Verzweiflung aus, und sie macht den lodernden Zorn zu Mut, zu Lebensmut.
Es ist der Lebensmut, aus dem Maria und die anderen Frauen bezeugen können, wo er hastig und ohne Riten bestattet wurde. Den geschundenen Körper sahen und weiteratmeten. Nicht alles anzündeten. Aber auch der Gewalt nicht das letzte Wort über ihn ließen. Sie würden wiederkommen, um ihn noch einmal salben. Sie atmeten weiter und traten ein in die Stille des Schabbat. Immerhin waren sie zu mehreren, nicht allein mit diesem Schrecken, nicht allein in einer Welt, in der solche Gewalt regiert.
Auch wir hier sind nicht allein. Wir sind zusammen, um auszuhalten. Ich wünsche uns Zorn, der sich nicht besänftigen, aber eine Richtung geben lässt. Der nicht blindwütig ist, sondern klar sieht. Der nicht zerstören will, sondern aufrichten. Der Mit diesem Gedanken trete auch ich ein in die große Stille, die dem Todeskampf folgt, überlasse mich der Erschöpfung, atme weiter und lasse meinen Zorn Kraft schöpfen. Es möge die Zeit kommen, da die Kraft zum Leben sich Bahn bricht, die Kraft zum Leben, die weiter reicht als alles, was wir hoffen können.