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Ostern // Wie von Hoffnung sprechen in einer gewaltgeprägten Welt?

Mk 16,1-8

Es hat eine Weile gedauert, aber mittlerweile ist mir dieser Schluss des Markusevangeliums sehr lieb, der das Ende so offen hält. Auch er öffnet einen Graben, der erst einmal nicht so einfach zu überbrücken ist. Auch hier versuche ich, bei diesem offenen Ende zu bleiben und zu fühlen. Und dann sinkt diese Erkenntnis auf einmal in mich ein, unaufhaltsam wie ein Stein im Wasser: Es hat ja nie aufgehört. Diese Gewalt hat ja nie aufgehört. Ich frage mich, ob ich das tatsächlich noch nie so wahrgenommen habe. Der Gedanke kommt mit einer Wucht und einer Selbstverständlichkeit, dass ich denke, es muss mir doch irgendwann schonmal aufgefallen sein, aber ich kann mich nicht erinnern, dass es mir schon einmal so bewusst war: Er war ja lange nicht der letzte, der gekreuzigt worden war. Diese furchtbare Gewalt ist einfach weitergegangen. Diese ganze patriarchale Gewalt, die so viel kaputt macht. Sie hat im Laufe der Geschichte ihre Formen gewechselt, aber es gibt sie noch immer. Es hat nie aufgehört. Und die Frauen, die da vom Grab weglaufen, laufen in Sichtweite der Kreuze vor der Stadt, sie müssen an ihnen vorbei.

Auch darum ist es so unfassbar mutig von ihnen, zum Grab zu gehen. Sie zeigen so, dass sie zu einem gehörten, der gerade als Aufrührer hingerichtet worden war, und nur zu leicht konnte ihnen daher das gleiche geschehen. Manchmal gibt es heute so eine stille Übereinkunft, das zu entschärfen und vorauszusetzen, dass die Frauen das ja haben machen können, anders als die Männer, weil die Kreuzigung als Todesstrafe ihnen nicht hätte drohen können. Aber nein, das war nicht der Fall. Auch Frauen wurden im römischen Reich so hingerichtet. In dem Punkt war das Geschlecht nicht wichtig. Es gibt nichts, was Menschen sich nicht ausdenken können. 

Ich bin immer noch bei dem offenen Schluss, und dabei, dass es nicht vorbei war, dass es nicht vorbei ist. Die ganze patriarchale Gewalt geht einfach weiter. Und ich fühle zur Sicherheit nochmal nach: Ja, auch mein Zorn ist noch da. Ich will diese Gewalt nicht mehr, ich will, dass es aufhört. Ich will auch nicht mehr still sein, schon gar nicht will ich mich besänftigen lassen. Und ich atme weiter, ich bin weiter Teil dieser Welt, ich suche nach einer Richtung für meinen Zorn. Er ist nicht hier. Vielleicht ist das ein erster vager Richtungshinweis.

Wie die alten Worte im Dunkeln. Du musst dich nicht fürchten vor dem Grauen der Nacht.
Ihr werdet leben. 

Ich habe nicht alles angezündet. Niemand von uns hat alles angezündet. Aber der Zorn über die Gewalt hat unser Osterfeuer genährt. Und dann war da die eine Kerze im Dunkeln. Dann viele. Frohlocket. Lobsinget. Dies ist die selige Nacht, in der das Leben seine Kraft entfaltet. Wie geht weiterleben, gar Vertrauen ins Leben haben, nach der Konfrontation mit so viel Gewalt? Die Kerze mag sagen: Schritt für Schritt. Funke für Funke, und dabei hilft auch der Zorn. Er wurde aufgeweckt, er wurde aufgerichtet - da steckt Kraft drin.

Sie sagten niemandem etwas. Wie geht es, von Hoffnung zu sprechen, ohne dass das einfach nur Vertröstung ist? Der Schluss des Evangeliums weist hier einen Weg, denn hier ist nicht einfach alles wieder gut. Mut kann man in einer gewaltgeprägten Welt nicht einfach so anknipsen. Und wenn man die Kraft gefunden hat, die dieser Gewalt das Leben entgegensetzt, dann ist das kein Superhelden-Moment, wo alles auf einmal machbar wird. Hier hat kein einsamer Kämpfer heldenhaft den Tod besiegt. Hier ist jemand so gründlich besiegt worden, wie es nur geht, wenn sich aufgerüstete Übermacht mit Grausamkeit verbündet. Über ihn hören die, die die den Mut hatten, zu ihm zu gehen, um ihn mit der Totensalbung wieder in die Gemeinschaft hereinzuholen, aus der dieser Tod ihn ausgeschlossen hatte: "Er ist von den Toten aufgeweckt worden, er ist nicht hier." Nicht an diesem Ende. Nicht da, wo die Gewalttäter ihn haben wollten. Die das erfahren, die können danach wieder von Furcht gepackt werden. Nicht nur, weil man Mut wie Trost nicht einfach anschalten kann, sondern auch, weil die Gewalterfahrungen nicht auf einmal aufhören. Aber da ist auch die Ekstase: Es könnte sein. Es könnte sein, dass die Hoffnung trägt.

Trotzdem ist nicht einfach, in einer gewaltgeprägten Welt von Hoffnung zu sprechen, die wirklich allen gilt, nicht nur den glücklichen Gewinnern. Darum steht am Anfang diese Leerstelle, die erst einmal weiß, was nicht ist: Er ist nicht hier. Das ist nicht das Ende. Die Gewalt hat nicht das letzte Wort. Für alles weitere ist es nicht so leicht, Worte zu finden. Wie spricht man von Aufgerichtet-werden, von einer Kraft, die das Leben bewahrt und die stärker ist als der Tod? Aber es ist möglich, sonst hätte es das Evangelium ja überhaupt nicht geben können. Und auch hier weist der offene Schluss einen Weg: Vielleicht geht es im Zusammenbleiben. Zusammen in die Stadt zurückgehen, wo die anderen sind. Geduldig bleiben, bis es Worte für die Erfahrungen gibt. Diese Erfahrungen gelten lassen. Einander Glauben schenken. (Damit hatten einige Männer wohl auch damals so ihre Schwierigkeiten, aber das erzählt Markus nicht, das steht im Lukasevangelium: Dort hielten die das, was die Frauen von ihren Erfahrungen erzählten, ernsthaft für Weibergeschwätz. Dagegen gibt es ein einfaches Mittel: Den Frauen glauben.) Und dann den Zorn zu Mut werden lassen. 

Das offene Ende des Markus-Evangeliums sagt dabei auch: Nicht alle können so Schritt für Schritt weitergehen, beharrlich, mutig und kräftig genug für den nächsten Tag. Wer es nicht kann, soll getragen sein von denen, denen es möglich ist. Die Kraft zum Leben ist keine Einzelleistung und nicht den Robustesten vorbehalten, sondern webt Netze der Verbundenheit, die alle tragen sollen.

Wie genau das gehen kann, das ist an uns. Nicht ein für allemal, sondern Schritt für Schritt. Die Hand der Freundin halten, die Gewalt erlebt hat. Die patriarchale Gewalt ächten, immer wieder. Sie nicht wegschweigen, gar weglächeln. Zusammenbleiben und es uns gegenseitig leichter machen, Vertrauen ins Leben zu haben und in die Kraft der Verbundenheit. Zusammenbleiben und alle die als Vertreter einer vorübergehenden Macht betrachten, die andere Menschen erniedrigen, beschämen, verachten, oder all das nur hinnehmen, die zu dieser Kraft des Lebens keinen Zugang haben. Dann mag vielleicht die Osterfreude in uns aufsteigen, die Lust am Leben, eine Freude, die niemand wegnehmen kann. Und nicht nur in uns - in allen Menschen guten Willens. Eine Kerze, dann viele. Du musst dich nicht fürchten vor dem Dunkel der Nacht: Die Kraft zum Leben bricht sich Bahn, und sie reicht weiter als alles, was wir hoffen können. Ihr werdet leben. Amen.