
Fest der Heiligen Familie, Jahr A // zum Evangelium
Am Sonntag feiert die katholische Kirche das Fest der Heiligen (Klein-)Familie. Das Evangelium aus Matthäus erzählt, wie die Eltern mit dem neugeborenen Jesus nach Ägypten fliehen, weil Josef, der begabte Träumer, von der tödlichen Bedrohung des Kindes geträumt hat. In der katholischen Lesevorgabe werden vom 2. Kapitel des Matthäusevangeliums die Verse 13–15 und 19–23 gelesen: Die Traumbotschaft von der Bedrohung, die Flucht und die Rückkehr. Ausgelassen werden die Verse 14-18: König Herodes lässt alle männlichen Babys in und um Betlehem töten, weil er der Weissagung glaubt, dass in Betlehem ein neuer König geboren worden sei - und weil er dessen Konkurrenz fürchtet.
Natürlich ist das Literatur. Alle diese Geschichten sind Literatur, und doch erzählen sie etwas Wesentliches. Solche Herrscher gibt es. Und es gibt Handlanger, die ihre mörderischen Befehle umsetzen. Die Auslassung in der Leseordnung mag dafür sorgen, dass der Sonntagmorgen nicht von einer Alptraumszene überschattet wird. Sie sorgt aber auch dafür, dass die Gewaltkritik unhörbar wird. Matthäus nämlich ist der Evangelist, der das Ägyptenmotiv stark macht. Er erzählt sein Evangelium in den ersten Kapiteln entlang der Geschichte des Volkes Israel in Ägypten: Vom Vater Josef, dem begabten Träumer, der dem ersttestamentlichen Josef sein Vorbild hat, über die Geschichte vom Stern, der aus dem Segen kommt, den der Fremdprophet Bileam angesichts des Wüstenlagers des Volkes Israel über dieses Volk spricht- "Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von Nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen..." (Nom 24,17) - bis zum Motiv der Flucht nach Ägypten und dann der Rückkehr aus Ägypten, so dass Jesus der neue Mose wird.
Durch die Kürzung fällt nun ein wichtiger Bezugspunkt weg, nämlich die Frage, wie man mit einem mörderischen Befehl umgeht. Indem Herodes befiehlt, alle kleinen Jungen umzubringen, erscheint er als eine Kopie des Pharao in Exodus 1, der den hebräischen Hebammen befiehlt, alle neugeborenen hebräischen Jungen direkt nach der Geburt im Nil zu ertränken. Wie dieser Pharao befiehlt Herodes seinen Soldaten, alle Babyjungen umzubringen. Und die Soldaten führen diesen Befehl aus. Wie entsetzlich feige und grausam das ist, das wird vor allem in dem Kontrast zur älteren Geschichte aus dem Buch Exodus deutlich: Die Hebammen ignorieren den Befehl des Pharao. Sie diskutieren nicht mit ihm, sie sprechen nicht über diesen Befehl, sie lassen ihn einfach ganz ins Leere laufen. Mit jemandem, der so einen Befehl gibt, diskutiert man nicht. Er steht außerhalb dessen, was diskutabel ist. Die Hebammen, deren Beruf es ist, dem Leben zum Durchbruch zu verhelfen, wissen, dass die Macht des Pharao nur so weit reicht, wie man es zulässt. Die Soldaten des König Herodes, deren Beruf das Kriegführen ist, sie setzen um, was ihnen aufgetragen wird.
Das Evangelium zum Fest der Heiligen Familie im Jahr A spart alles das aus, die Gewalt und was passiert, wenn Befehle eben Befehle sind, wenn der König nunmal der König ist, da kann man nichts machen.... Die Geschichte der Hebammen kommt in der katholischen Leseordnung niemals zum Vortrag. Es ist schade drum.
Zum Fest der Heiligen Familie: Beitrag von 2024