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2. Sonntag der Osterzeit // Zur nachträglichen Exklusion der Frauen vom Abendmahl

In der Apostelgeschichte erzählt Lukas von der Entstehung und Verbreitung der jesusgläubigen Gemeinschaften: vom kleinen Kreis der Freundinnen und Freunde Jesu einschließlich der symbolisch wichtigen „Zwölf“, die vermutlich jedoch in früher Überlieferung für ein Kollektiv, das gesammelte Israel, standen – bis zur Ausbreitung im gesamten Mittelmeerraum. Immer wieder wird es daher um zwei miteinander im Wechsel stehende Bewegungen gehen: Die Gemeinschaftsbildung nach innen und das Ausgreifen in weitere Städte und Regionen, wobei sich dort dann wiederum Kerngemeinden bilden – oft, aber nicht immer an bestehende Synagogengemeinden angedockt. Die Gemeinschaftsbildung nach innen hatte von Beginn an ihren wichtigsten Bezugspunkt in der gemeinsamen Mahlpraxis.

Ohne dem Anachronismus Wort zu reden, der in diesen Gemeinschaftsmählern schon die spätere Eucharistiefeier sieht, fällt doch auf, dass sich die Frage nach dem Geschlecht hier offenbar nicht stellt. Es nehmen alle teil: Frauen wie Männer, versklavte wie freie Menschen – an den praktischen Schwierigkeiten, die sich offenbar durch die sehr unterschiedlichen Budgets an freier Zeit in Korinth ergaben, wird deutlich, wie unüblich dies offenbar war (vgl. 1 Kor 11,17-34).

Aber auch, als aus dem „Leib Christi“ der paulinischen Briefe das „Haus Gottes“ der nachpaulinischen Briefe geworden ist, dessen Hierarchie ganz im Sinne des patriarchalen Zeitgeistes gestaltet ist und an seiner Spitze den pater familias kennt, dessen Position doch in der frühen Jesusbewegung ausdrücklich unbesetzt bleiben sollte (Mk 3,31-34 par./Mt 23,9), auch dann wird die Praxis des gemeinsamen Mahls nicht infrage gestellt. Dabei wird dieses Mahl, das so konstitutiv für die Gemeindebildung ist, schon sehr früh mit dem letzten Abendmahl assoziiert und von diesem präfiguriert.

Machtvolle Bildtraditionen, die unsere Wahrnehmung prägen, gehen mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit davon aus, dass Jesus diese letzte Abendmahl ausschließlich mit den Zwölf gefeiert hätte. Unter anderem auf diese Annahme gründet sich auch der fortdauernde Ausschluss der Frauen vom kirchlichen Amt in der katholischen Kirche. Nun erwähnen sowohl Matthäus als auch Markus, dass Jesus sich mit den Zwölf zu Tisch legte (Mt 26,20/Mk 14,17), wobei die Einheitsübersetzung bei Matthäus gegen den griechischen Textbefund die „Zwölf“ um „Jünger“ ergänzt und damit die Vorstellung verfestigt, die Zwölf und der Schülerkreis Jesu seien deckungsgleiche Gruppen gewesen – dass der Kreis um Jesus deutlich größer war und Frauen wie Männer ihm angehörten, wird nicht nur, aber prominent an der Aussendung der 72 deutlich. Lukas ersetzt die Nennung der „Zwölf“ durch „die Apostel“, während Johannes überhaupt keine Angaben zum Kreis der Mitfeiernden macht und nur impliziert, dass es sich um „die Jünger“ gehandelt habe, eine männliche Sprachform, in der die Frauen in der Regel untergehen. Allerdings werden „die Zwölf“ im Johannesevangelium ohnehin nur am Rande erwähnt (vgl. Joh 6,67)

Nun bedeutet aber die Hervorhebung der symbolisch wichtigen „Zwölf“ bzw. der „Apostel“ nicht im Umkehrschluss, dass ausschließlich diese mit Jesus das Mahl gefeiert hätten. Das wäre nicht nur vom Setting her ausgesprochen unhöflich und unlogisch, denn wo sollten die Frauen bei Jesu Hinrichtung auf einmal hergekommen sein, von denen Matthäus und Markus doch schreiben, dass sie Jesus aus Galiläa nach Jerusalem (Mt 27,55f) bzw. schon in Galiläa (Mk 15,40f) nachgefolgt seien? Sie werden wohl kaum in der Küche gegessen oder sich an einem Straßenstand verköstigt haben, zumal Jesu Mahlpraxis auch sonst immer als inklusiv dargestellt wird. Es geht auch aus der Abendmahlserzählung nicht hervor, die im Gegenteil einigermaßen unspezifisch davon spricht, dass Jesus „den Jüngern“ das Brot reichte (vgl. Mt 26,26 par.). Auch könnte es in einem solchen Szenario wohl kaum heißen: „Es verließen ihn alle Jünger und flohen“ (Mt 26,56) – beides Formulierungen, die die Gruppengröße entgrenzen und Frauen miteinschließen können.

Vor allem aber hätte eine exklusive männliche Mahlgemeinschaft wohl kaum als Vorbild für die inklusive Mahlpraxis der jungen Gemeinden dienen können, die doch nach der Taufe der wichtigste Identitätsmarker der „Anhänger:innen des Neuen Weges“ wurde. Die vielfach bezeugte starke Rolle der Frauen in diesen frühen Gemeinden (vgl. die Grußliste des Römerbriefs, Röm 16) wäre nicht denkbar gewesen, wenn es eine historische Erinnerung an einen mit Jesus zu legitimierenden Ausschluss der Frauen von seinem letzten Mahl gegeben hätte. Der Ausschluss der Frauen aus Diensten und Ämtern der jungen Kirche war langwierig und mühsam und der Widerstand dagegen erbittert. Von einem in sich logischen, folgerichtigen Prozess, wie er vorauszusetzen wäre, wenn es eine Erinnerung daran gegeben hätte, Jesus seinen letzten Abend tatsächlich nur mit zwölf Männern verbracht habe, kann keine Rede sein. Spätere massive Aussagen gegen die Beteiligung von Frauen an Lehre und Verkündigung wie im Epheserbrief ergeben nur Sinn, wenn es diese selbstverständliche Beteiligung bis dahin gegeben hatte: Der „Neue Weg“ war für Frauen außerordentlich attraktiv. Das verträgt sich nicht mit einer frühen Erinnerung an ein letztes Abendmahl, bei dem Jesus sich von der größeren Gruppe seiner Schülerinnen und Schüler separiert hätte. Auch hier zeigt sich, wie anfällig für Ausschlüsse eine Sprache ist, die Frauen nicht ausdrücklich nennt: Wenn sich mit dem sukzessiven Ausschluss der Frauen aus der Praxis später der Blick verengt, sieht es irgendwann so aus, als seien sie noch nie dabei gewesen.