
Zum Jahreswechsel
Nun gebe ich dir das Jahr zurück, Ewige.
Ich habe es von Tag zu Tag gelebt unter der Gnade, nicht zu wissen, was kommt.
Die Niederlagen und die hohen Zeiten lege ich sorgsam wieder zusammen, die vollgepackten Wochen und die freien Tage, und ich wickle sie ein in den Glanz des Neuentdeckten, der auch die Schrammen schön aussehen lässt, die mancher Tag und vor allem manche Nacht hinterlassen haben. Du wirst sie bewahren, genau wie das Marmeladenglas mit den Glückmomenten und die Tränen dieses Jahres, die geweinten und auch die ungeweinten.
Ich lege die Entscheidungen des Jahres dazu, die langsam gewachsenen wie die, von denen ich gar nicht gemerkt habe, dass ich sie getroffen hatte, und überlasse es deinem Blick, zu sehen, wer ich so geworden bin.
Zuoberst kommen die Menschen, an deren Seite ich gegangen bin. Denn Seelen sind zerbrechlich, die darf man nicht mit den alten Erfahrungen zusammenquetschen - und so lege ich sie behutsam obenauf, wenn ich dir das Jahr zurückgebe.
Du schweigst, wie so oft, und während ich noch eine Weile an der Schwelle stehe, das alte Jahr noch in der Hand, weiß ich, dass dein Schweigen mir einen sicheren Ort schafft, in dem ich nichts erklären muss, und dass auch das alte Jahr in deinem Schweigen gut aufgehoben sein wird. Du lässt mich wohl noch ein bisschen ausruhen, und ich danke dir, Ewige, für Jahr und Tag und für diesen Moment auf deiner Schwelle - Amen.