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18 Sonntag im Jahreskreis A // zum Evangelium

Als Jesus das vernahm, zog er sich in einem Boot von dort zurück an einen einsamen Platz, um allein zu sein. Die Volksmenge hörte davon und folgte ihm aus den Städten zu Fuß. Und als er ausstieg, sah er eine große Menschenmenge und hatte Mitgefühl mit ihnen. Da heilte er ihre Kranken. Am Abend kamen die Jüngerinnen und Jünger hinzu. Sie sagten: »Die Gegend ist unbewohnt und die Zeit ist schon überschritten. Schick' die Leute fort, damit sie in die Dörfer gehen und für sich Essen kaufen.« Jesus antwortete ihnen: »Es ist nicht nötig, dass sie weggehen. Gebt ihr ihnen zu essen.« Sie sagten zu ihm: »Wir haben hier nur fünf Brote und zwei Fische.« Und er antwortete: »Bringt sie mir her.« Er wies die Menge an, sich auf dem Gras zum Essen zu lagern, und nahm die fünf Brote und zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Segen, brach die Brote und gab sie den Jüngern und Jüngerinnen; sie gaben sie dann den Menschen. Und alle aßen und wurden satt. Zwölf Körbe voll Überreste von den Brotstücken sammelten sie auf. Es waren etwa 5.000 Männer, nicht mitgerechnet Frauen und Kinder, die gegessen hatten.

(Evangelium nach Matthäus, Kapitel 14, Verse 13-21)

"Frauen und Kinder nicht mitgerechnet": Ein kleiner, scharfer Giftpfeil am Schluss dieses Evangelientextes. Das Evangelium erzählt von der Unruhe, die sich im Land breitmachte, als Johannes der Täufer umgebracht worden war. In dieser brodelnden Stimmung sucht Jesus die Einsamkeit. Das Gefühl der Bedrohung mag zugenommen haben, die Angst vor Denunziation auch; die Stimmung heizt sich auf. Aber die Menge folgt Jesus - sie lässt sich nicht abschütteln, sie braucht eine Perspektive, hier ist jemand, an den man sich halten kann, jetzt, wo Johannes tot ist. Und er heilte ihre Kranken, bis sich an diesem verwüsteten Ort der Abend ankündigt. Denn "eremos" heißt nicht einfach nur "unbewohnt", sondern "wüst" - hier ist die Wüste in das fruchtbare Land am See Genesareth vorgedrungen. In einer fruchbaren Gegend wird das Land nicht einfach zu zur Wüste, um unbewohnten, unbewohnbaren Ort. Es ist naheliegender, hier die Spuren von Gewalt zu  sehen, zerstörte Orte, Ruinen, schreckliche Erinnerungen und die Erfahrung, dass nicht die Gerechtigkeit, sondern die Gewalt das letzte Wort hatte in diesem vom römischen Reich besetzten Land. Nun wird es schnell dunkel werden, denn die Szene spielt um den 33. Breitengrad, hier gibt es keine lange Dämmerung. Bald wird es Nacht sein. Aber bevor die Nacht kommt, werden die Menschen erfahren, dass hier keine Gefahr droht. Auch in verwüsteten Gegenden kann Gemeinschaft gedeihen, und aus dem Zuwenig wird Überfluss. Kein Luxus - Brot, in Stücke gerissen, stillt hier den Hunger. Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer werden satt, und wohl auch getröstet. Die Verwüstung wird nicht ewig dauern. Es gibt Grund zur Hoffnung, und Hoffnung riecht nach Brot für alle. Wo die zwölf Körbe auf einmal herkommen, bleibt unklar, und damit ist auch ersichtlich: Hier geht es nicht um ein einzelnes Ereignis, sondern um eine lebensverändernde Erfahrung. Eine effektive Armee hat diesen Ort zur Wüste gemacht; und nun werden so viele Männer satt, wie zu einer römischen Legion gehören, nämlich etwa 5000.

Das ist eine nachvollziehbare Gegenüberstellung - eine Legion friedfertiger, gemeinschaftsfähiger Menschen, und aus dem unbewohnbaren Ort wird eine Vision von Frieden und Genug-für-alle. Nur, dass hier eben nur die Männer gezählt wurden, bzw. dass die Angabe der Zahl der Menschen sich nur auf die Männer bezieht. Alle, die keine freien Männer sind, sind aber von Gewalt und Rechtlosigkeit, von der Erfahrung des Mangels und der Ohnmacht ebenso, wenn nicht noch stärker betroffen. Der kleine Nachsatz "Frauen und Kinder nicht mitgerechnet" macht das unmissverständlich deutlich: Erst wenn Frauen und Kinder mitgerechnet werden, gelingt Gemeinschaft, werden verwüstete Orte wieder bewohnbar, regiert nicht mehr das Recht des Stärkeren, werden Kranke gesund und Hungrige satt. Und hier lohnt es, wirklich alle mitzudenken: Kinder, die nicht satt werden, Jugendliche, die keine Hoffnung haben, Frauen, die Gewalt erfahren haben. Erst wenn alle Menschen gleichermaßen zählen, gelingt die Überwindung von struktureller Gewalt. Mit dieser Perspektive ist der Nachsatz dann kein Giftpfeil mehr, der so vielen Hörerinnen des Evangeliums sagt "Ihr zählt hier übrigens nicht mit". Mit dieser Perspektive wird deutlich: 5000, das ist eine Zahl der militärischen Logik. Erst, wo es mehr als die 5000 waffenfähigen Männer (was ist das überhaupt für ein Wort, "waffenfähig"...) sind, da wird die Erfahrung der Fülle möglich, die Menschen hier mit und durch Jesus erleben.

Wenn von dieser Geschichte als der "Speisung der 5000" gesprochen wird, dann geht dieser Apsket aber wieder verloren und wird strukturelle sprachliche Gewalt weitergetragen. Da werden Frauen zu den "anderen", die nicht mitzählen, auf deren Perspektive es nicht ankommt, sei es bei der Anerkennung von Sorgearbeit, sei es bei der Erfahrung des Zuwenig - Sicherheit, Rechte, Auskommen. Da bleiben Mändie die Akteure und Frauen die nicht mitzurechnenden Anderen - ganz abgesehen von den Kindern. Frauen zu den Kindern zu rechnen wertet beide Gruppen gleichermaßen ab, und natürlich gleichermaßen unverdient. In der Menge waren sie dabei, sehr selbstverständlich. Von Jesus kam die Unterscheidung, wer zählen soll und wer nicht, offenbar nicht. 

Zur 1. Lesung: Beitrag zu Jes 55,1-3