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7. Sonntag der Osterzeit A // Allgegenwärtiger Vater

Allgegenwärtiger Vater
Biblische Gottesbilder sind vielfältig und fluide. Die Gottheit Israels mit dem ins Schweigen entrückten Namen zeigt sich als Wolkenreiter, himmlischer Heerführer, im Brausen des Sturmes – dann erscheint sie auch sprachlich weiblich –, als Fels, der gebiert (Dtn 32,18), als Geiermutter (Dtn 32,11), als Wortschöpfer oder auch Wortschöpferin, und im Selbstgespräch spricht sie mit sich selbst im Plural: „Wir wollen Menschen machen…“ (Gen 1,26)

Natürlich sind das alles Bilder, und diese Bilder sind keine Definitionen, sondern Beziehungsangebote. Gott, die Hebamme öffnet dem betenden Ich in Psalm 22 wieder einen Weg ins Vertrauen, möglicherweise gebiert sie dieses Menschenwesen auch selbst, denn die entsprechende Verbform, ein Hapaxlegomenon, ist nicht eindeutig – wie Gott Menschen ins Vertrauen hinein begleitet, bleibt undurchdringlich. Das Erste Testament kennt nur wenige Hinweise auf ein väterliches Gottesbild, das dann im Zweiten so prominent geworden ist. Gottes Vaterschaft ist seither unter den Christ:innen deutlich anerkannter als ihre Mutterschaft. Leicht wird aus einem Weg ins Vertrauen, den Jesus erschlossen hat – Jesus der Psalmenbeter, der diese ganze Fülle der Gottesbilder in sich trug –, leicht wird aus seinem Weg ins Vertrauen der einzige Weg, mag er angesichts ihrer eigenen Vatererfahrungen auch noch so vielen Menschen steinig oder ganz verschlossen bleiben.

Mit der Brille, dass Gott irgendwie männlicher sei als weiblich, dass es richtiger und angemessener sei, von Gott männlich zu sprechen, geht auch eine oft ausgrenzende Bibellektüre einher. Wenn die Frauengeschichten als Privatgeschichten gelten, während Männer mit Gott die richtige, große Offenbarungsgeschichte erleben, dann ist das eine heutige Sicht auf diese alten Texte. Wenn Jesus zum Kyrios, zum Herrn wird, so wie die erste griechische Übersetzung des Ersten Testaments den unaussprechlichen Gottesnamen überträgt, dann wird Gott männlich und aus der Männlichkeit Jesu ein theologisches Problem für die einen und eine Sakralisierung ihrer Privilegien für die anderen – als wäre er nicht einfach Mensch unter Menschen gewesen.

Hier beißt sich der Schlang in den Schwanz, denn eine selektive Bibellektüre verengt auch Gottesbilder, und enge Gottesbilder engen wiederum die Wahrnehmung biblischer Texte ein. Die Bibel aber lädt in Gottes Weite ein.