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6. Sonntag der Osterzeit A // Das Bild der Geburt

Obwohl es im Glauben um das Leben geht, wird oft dem Sterben und dem Tod mehr Bedeutung beigemessen als dem Geborenwerden. Das ist so einseitig wie die klassische Attributierung des Menschen mit „alle Menschen sind sterblich“. Denn dass wir sterben, wissen wir nur von Außen – die Erfahrung, geboren worden zu sein, teilen wir alle.

Dabei hat dieses Geborenwerden essentiell mit dem zu tun, wie biblisch von Gott gesprochen wird. Im zweiten Schöpfungsmythos der Genesis wird der Erdling durch den Atem Gottes zu einem lebendigen Wesen. Über das normale Lebendigsein hinaus geht aber die Erfahrung der Geistkraft Gottes, mit dem lautmalerischen Wort Ruach belegt: Das ist eine Luftbewegung, die man hören kann. Sie tritt in der Natur auf wie auch im menschlichen Leben. Dort ist sie der laute Atem, der Weite schafft, denn Ruach, darauf hat Helen Schüngel-Straumann hingewiesen, ist eng verwandt mit Räwach, Weite. Da im Hebräischen Verben jeweils eine andere Form haben, je nachdem, ob das Subjekt männlich oder weiblich ist, lässt sich feststellen: Überall dort, wo mit „Ruach“ ausschließlich das Wetter gemeint ist, steht das Wort mit einer männlichen Verbform. Wo es um die wilde, unbezähmbare Lebenskraft Gottes geht, die sich in der lauten Luftbewegung zeigt, sei es in der Natur, sei es im menschlichen Atem, da steht sie weiblich. Und an drei Orten der menschlichen Erfahrung ist diese Gegenwart der Lebenskraft Gottes besonders prominent erlebbar: beim Sex, unter der Geburt und – nicht immer, aber häufig – im Sterben. Das sind zugleich die Situationen im Leben, wo Menschen sich überlassen müssen und darum existenziell darauf angewiesen sind, von ihrer Umgebung bewahrt zu werden. Denn sich Kräften überlassen zu müssen, die die eigene Existenz übersteigen, heißt auch, sich nicht selbst zu haben, sich nicht selbst verkörpern zu können: Es sind Situationen der Selbst-Entäußerung und, das fügt die gläubige Deutung hinzu, Situationen, in denen die Geistkraft Gottes übernimmt und erfahrbar wird. Darum sind es auch potenziell heilige Situationen, was nicht notwendig dasselbe ist wie schöne Situationen.

So steckt eine heilige Erfahrung darin, wenn das Johannesevangelium die Gabe der Geistkraft mit Lebendigkeit, Zum-Leben-Kommen verknüpft.  Von lebensprägenden Geburten erzählt auch die Bibel: Von Schwangerschaften und Geburten als Gotteskämpfen um Gesehenwerden und Lebendigsein bei den Erzmüttern Israels Lea und Rahel, von lebensgefährlichen Geburtskomplikationen und dem Lohn für den Mut der Entschlossenheit bei Tamar und ihrem erstgeborenen Sohn Perez, vom Ineinander von Heiligkeit, Leben und Tod bei der Frau des Pinchas. Keine dieser Geschichten kommt jemals im katholischen Gottesdienst zu Gehör.

Die Gotteskämpfe der Erzmütter Lea und Rahel, in die sie die versklavten Frauen Silpa und Bilha als Leihmütter einbeziehen, sind dem Gotteskampf Jakobs ebenbürtig – sie werden über eine lange Zeit ausgetragen. Denn Jakob, der mit beiden Schwestern verheiratet ist, wird von Lea geliebt, die sich nach seiner Zuneigung sehnt und wird, da Gott ausgleicht, was ihr entgeht, und sie fruchtbar sein lässt, als erste Mutter von vier Söhnen. Jakob aber liebt Rahel, die lange Zeit nicht schwanger wird, Rahel aber sehnt sich nach eigenen Kindern und wird zunächst Adoptivmutter von zwei Söhnen, die Bilha gebiert. Danach bekommt auch Lea durch Silpa zwei Adoptivsöhne, und über einen Handel zwischen den Schwestern, die unter sich ausmachen, wer wann mit Jakob schlafen darf, wird Lea noch dreimal Mutter. Die Namensgebungen mit sprechenden Namen – der letzte Sohn heißt Sebulon für „diesmal blieb mein Mann bei mir wohnen“ (Gen 30,18) – zeigen, dass sie sich ein glückliches Leben erkämpft hat. Nun gleicht Gott wiederum aus, und auch Rahel wird schwanger mit ihrem ersten Sohn Josef, dem, das besagt sein Name vom Verb j-s-f, „hinzufügen“, noch einer folgen soll. An dieser zweiten Geburt stirbt Rahel, ihr Sohn trägt den Gedächtnisnamen Benjamin, „Sohn des Glücks“ als Zeichen für Jakobs Liebe für sie. Die Kämpfe der Schwestern um eine eigene Biographie, um ein erfülltes Leben mit einem unerfüllten Kinderwunsch, um Solidarität miteinander, obwohl jeder fehlt, was die andere hat, sie wären auch heute noch Geschichten, an die viele Frauen anknüpfen könnten.

Auch Tamar, eine Generation später, kämpft – um den Status einer Witwe mit Kindern, denn sie war zweimal verwitwet, ohne einen Sohn zu haben, was sie in einer prekäre Existenz stürzt. Weil ihr Schwiegervater ihr ihr Recht auf die Schwagerehe mit seinem jüngsten Sohn verweigert, sie also der Armut preisgibt, sorgt sie durch eine List für eine Schwangerschaft, indem sie sich als Prostituierte verkleidet. Die Geburt ihrer Zwillinge hätte beinahe alle drei das Leben gekostet. Der Text erzählt hier bemerkenswert nachvollziehbar von einem kindlichen Armvorfall, eine Komplikation, die infolge einer Mehrlingsschwangerschaft auftreten kann. Nur, weil der eigentlich zweite Sohn sich vordrängt und eine regelrechte Geburtslage für sich und seinen Bruder sicherstellt, überleben die Kinder und wohl auch die Mutter – sie allerdings erleidet gravierende Verletzungen, die ihr Sohn Perez, Riss, im Namen tragen wird. Der Text findet eine Sprache für schwere Geburten, und er kann nicht ohne mindestens einen Rückgriff auf weibliche Wissensbestände verfasst worden sein.

Die Frau des Pinchas schließlich stirbt infolge einer Sturzgeburt. Diese erleidet sie auf die Nachricht hin, dass die Bundeslade verloren, ihr Sohn, Sohn des Priesters Eli, gefallen und ihr Schwiegervater Eli an einem Schlag gestorben ist. Während der Geburt sagen die Frauen um sie herum ihr die Gegenwart Gottes mit der klassischen Formel „Fürchte dich nicht“ zu. Sie beantwortet diese Hoffnung nicht, widerspricht ihr aber auch nicht, und gibt ihrem Sohn den Namen „Der Glanz ist fort/Wo ist der Glanz?“. Denn Gottes Gegenwärtigkeit in der Geschichte heißt nicht notwendig, dass es eine heile Geschichte ist, und am besten wissen das Menschen, die mit Geburten zu tun haben. Es wäre nicht nur deswegen wertvoll, solche Geschichten auch im Gottesdienst zu hören.