
5. Sonntag im Jahreskreis A // Gemeint, nicht gemeint, mitgemeint?
Die Bibel ist ein Menschheitsbuch. Sich auf die Bibel zu beziehen, ist dennoch nie besonders einfach, denn natürlich ist sie historisch und kulturell im Alten Orient zu verorten: Sie kommt aus einer anderen Welt.
In dieser Welt gibt es aber ähnliche sprachliche Fallstricke wie in unserer heute. Sowohl das biblische Hebräisch wie auch das Griechische kennen das generische Maskulinum, und es funktioniert in diesen alten Texten so wenig wie heute. Das heißt, Frauen verschwinden meistens in den männlichen Sprachformen, und es ist oft gar nicht so einfach zu bestimmen, an wen sich ein Text nun richtet und von wem er spricht.
Tritt eine gemischte Gruppe auf, gelten nämlich in beiden Sprachen die männlichen Formen. Nicht einmal bei den Wörtern „Söhne“ oder „Vater“ kann man hier sicher von einem männlichen Geschlecht ausgehen, denn vielfach sind damit Abstammungs- bzw. Herkunftsbezeichnungen gemeint, die nicht auf das jeweilige Geschlecht abzielen. Die b’nei Israel können also mit Fug und Recht mit „Kinder Israels“ übertragen werden, und wenn von den pateres die Rede ist, so können damit auch beide Eltern gemeint sein, was die biologische Bestimmung des griechischen Singulars pater relativiert, auch und gerade dann, wenn es um das entsprechende Gottesbild geht.
Vor allem aber dadurch, dass im Plural nicht zwischen rein männlichen und gemischten Gruppen unterschieden wird – also nicht binär und schon gar nicht vielfältig gegendert wird, wie es der vielgehasste Genderstern tut –, lesen und hören wir oft nur das, was wir erwarten. Das hat Folgen, vom Verständnis dessen, was im Zweiten Testament mit „Schülerschaft“ oder eben „Schüler*innenschaft“ gemeint sein könnte, bis zu heutigen Amtsstrukturen christlicher Kirchen.
Wenn etwa das Markusevangelium von den Jüngern oder besser Schülern Jesu spricht, die Jesus nachfolgen, dann hören wir das heute oft so, als seien damit ausschließlich Männer gemeint. Oft ist die Hörgewohnheit sogar noch weiter verengt, und man identifiziert diese männlich verstandene Gruppe mit den Zwölf, mit denen Jesus die endzeitliche Sammlung der zwölf Stämme Israels symbolisierte. Dass die Gruppe schon von dem Moment an, als Jesus Menschen um sich scharte, größer und diverser war, wird erst in der Hinrichtungsszene in Mk 15,40-41 deutlich, wenn die männlichen Schüler geflohen sind. Die übrig bleiben, sind die Frauen aus dem Kreis der Freund*innen Jesu, und erst hier werden sie mit Namen genannt. Markus setzt hinzu, dass sie Jesus „gedient“ hätten, ein Verb, bei dem bei den Männern in der Regel ohne Zögern die religiöse Dimension mitgehört wird, bei den Frauen hingegen nicht. Dabei gibt es im Markusevangelium anders als in der heutigen katholischen Kirche überhaupt keine Männer, die dienen im Sinne von „diakonein“. Das zu tun, ist im Markusevnagelium allein den Frauen und den Engeln vorbehalten.
Matthäus hält es ähnlich wie Markus und inkludiert die Frauen in der Gruppe der „Jünger“ oder „Schüler“, die also eigentlich „Schüler*innen“ sind, und differenziert ebenfalls erst, als es nicht mehr anders geht. Lukas hingegen nennt die Frauen schon vorher in seinem Evangelium als Nachfolgerinnen und nennt dabei auch Namen (Lk 8,1-3). Das ist darum nötig, weil Lukas den Skandal, dass die Männer um Jesus nicht wagten, bei der Hinrichtung präsent zu sein, bewusst abmildert: Er nennt als Zeug*innen, die „in einiger Entfernung“ zusahen, „alle seine Bekannten, auch die Frauen“ (Lk 23,49). Damit rehabilitiert Lukas die Männer in der Nachfolge Jesu, ebenso wie er Nachfolge zu etwas Männlichem macht, wenn er bei der Aufzählung, wer um Jesu willen zurückzulassen sei, ergänzt. Bei Matthäus und Markus sind diese zurückzulassenden „Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder“ (Mk 10,29; Mt 19,29). Bei Lukas werden daraus „Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern“ (Lk 14,26) – damit wird Nachfolge eine Männersache. Es ist also von Anfang an Gegenstand der Auseinandersetzung, wer zu den nahen Menschen um Jesus gehört, gehören darf, gehören soll.
Dagegen wird selten gefragt, an wen sich eigentlich die Bergpredigt richtet, oder die Zehn Gebote, auf die Jesus Bezug nimmt. Dass sie nicht universal adressiert sein könnten, widerspricht heutigen Lesegewohnheiten. Dabei richtet sich das „du“ der Zehn Gebote sprachlich ausschließlich an Männer - das weibliche „Du“ hat eine andere Form –, und auch inhaltlich wird deutlich, dass Adressaten dieser Gebote freie, rechtsfähige, besitzende Männer sind. Eine Ausnahme macht nur das Gebot, den Schabbat zu halten, denn hier ziehen beide Fassungen des Dekalogs eine Egalität aller Gesellschaftsangehörigen inklusive des Viehs ein, die Israel von seiner Umgebung unterscheidet (Ex 20,10; Dtn 5,14). Natürlich gelten die anderen Gebote dann auch für die Hausangehörigen. Dennoch sind Kinder und Heranwachsende so wenig mit dem Gebot, die Eltern zu ehren, angesprochen, wie mit dem Verbot des Ehebruchs – Beichtspiegel aus gar nicht lange zurückliegenden Zeiten offenbaren aber, wie sehr Kinder und Jugendliche in der Beichtvorbereitung und in der Beichte damit traktiert wurden. Ebenso richtet sich die Bergpredigt insofern an Männer, als hier kulturell spezifisch männlich konfigurierte Konfliktsituationen verhandelt werden: Das Gebot der Gewaltlosigkeit etwa richtet sich an Männer, die die Mittel zur Gegengewalt und damit auch das Recht auf ihrer Seite hätten. Es richtet sich nicht an Gewaltopfer, die keine theoretische Möglichkeit zur Gegenwehr haben – also insbesondere nicht an Frauen. Gleichermaßen angesprochen sind alle Menschen nur, wenn auch alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben. Das ist zur Entstehungszeit der biblischen Texte nicht der Fall, und auch heute noch nicht.
Wir hören Frauen, Kinder, versklavte Menschen mit, wo sie nicht gemeint sind. Und wir hören Frauen und Kinder nicht mit, wo sie mitgemeint sind, wo das generische Maskulinum das aber unsichtbar macht. Umgekehrt wird ein Schuh draus.