
5. Sonntag der Osterzeit A // Zur 1. Lesung
Witwe zu sein, bedeutet im Alten Orient eine prekäre Existenz, vor allem, wenn eine Witwe keinen Sohn hat: Weil Witwen ihre Ehemänner nicht beerben können, müssen sie in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren oder eine weitere Ehe eingehen. Das Institut der Schwagerehe wird zwar in den Rechtstexten des Ersten Testaments mit der Notwendigkeit begründet, dem Verstorbenen einen Erben zu verschaffen, damit sein Name nicht ausstirbt, dient in den erzählenden Texten aber dazu, einer kinderlosen Witwe wieder ein wenig Boden unter die Füße zu geben. Als die griechisch-römische Kultur zur Leitkultur im Mittelmeerraum wird, ändert sich das zumindest in begüterten Gesellschaftsschichten, weil in dieser Kultur Eheverträge üblich wurden, die für die Zeit nach einer Ehe die Vermögensverteilung regelten.
Die Bibel kennt in beiden Testamenten hilfsbedürftige und handlungsfähige Witwen. Im Ersten Testament ist der Prototyp für die hilfsbedürftige Witwe die Witwe von Sarepta, an der der Prophet Elija die Macht JHWHs erweist, und ihre Doppelgängerin im Geschichtenzyklus um Elischa. In den Evangelien ist die Armut der Witwe sprichwörtlich geworden, die ihr letztes Geld in die Schatzkammer des Tempels gibt (Mk 12,41–44 par.). Auch die Apostelgeschichte kennt Witwen als Versorgungsfälle (Apg 6,1-7), einige Zeit später allerdings stellen Witwen offenbar eine Gruppe selbstständiger und selbstbewusster Frauen dar, die heftige Konflikte mit den Protagonisten des sich herausbildenden Patriarchats in der Kirche austrägt (vgl. 1Tim 5,3-16). Dieser Abschnitt aus dem 1. Timotheusbrief ist natürlich aus der Sicht der Patriarchats-Vertreter geschrieben, und so wird er, wenn er am Gedenktag der Hl. Hemma von Gurk Lesungstext ist oder als Commune-Text für den Festtag einer Witwe ausgewählt wird, auch in dieser Perspektive vorgetragen. Die Witwe, auf deren Großzügigkeit Jesus hinweist, ist ebenfalls in der Fassung von Lukas (Lk 21,2-4) ein Werktagsevangelium (Montag 34. Woche), in der Fassung von Markus (Mk 12,41-44) ein Werktags- (Montag der 9. Woche) und ein Sonntagsevangelium (32. Sonntag im Jahreskreis B). Die Witwe von Sarepta ist eine von zweieinhalb ersttestamentlichen Frauen, die es in Lesungen im dreijährigen Sonntags-Lesezyklus geschafft haben, der erste Teil ihrer Geschichte (1 Kön 17,8-16) wird nicht nur am Dienstag der 10. Woche, Jahr II, sondern sogar am 32. Sonntag im Jahreskreis B, der zweite Teil (1 Kön 17,17-24) am 10. Sonntag im Jahreskreis C gelesen. Die Gottesdienstgemeinde erfährt also, wie der Prophet Elija Gottes Macht am schwächsten Mitglied der Gesellschaft erweist.
Sie bekommt hingegen kaum zu hören, wie sich Witwen Recht und Auskommen verschaffen. Die Geschichte von Judas Schwiegertochter Tamar hat in der katholischen Leseordnung überhaupt keinen Platz. Das Buch Rut, in dem die beiden Witwen Noomi und Rut sich mit einer so klugen wie kreativen Rechtsauslegung und der Hilfe des Male Allys Boas einen Platz in der Gesellschaft sichern, wird so grob zusammengekürzt, dass man es nicht nur in zwei Werktagslesungen (Freitag und Samstag der 20. Woche, Jahr I) quetschen kann, sondern dass als Haupthandelnder nun Boas erscheint. Und vom Buch Judit, in dem diese Witwe mit List, Gewalt und Gottvertrauen den Heerführer eines Potentaten umbringt, der die ganze Welt beherrschen will, und dadurch bezeugt, dass Gott den Kriegen ein Ende macht, wird absurderweise nur der Abschnitt als Commune-Text für den Festtag einer Witwe ausgewählt, in dem es um Judits Stammbaum und ihre Frömmigkeitspraxis geht – und um ihr Aussehen, ausgerechnet. (Jdt 8,1-8) Sowohl von der erkennbaren Fiktionalität wie auch vom Umfang und vom theologischen Gehalt her fällt das Buch Judit aber in nichts hinter Büchern wie Jona oder Tobit zurück, die beide ganz bzw. in großen Teilen als Werktagslesungen ausgewählt werden. Wie Judit aussieht, ist wirklich nicht die Essenz dieses Buches, in dem es so klar um ein Ende auch der sexuellen Gewalt gegen Frauen geht, die immer mit Kriegen einhergeht und der Judit sich ausdrücklich entgegenstellt (vgl. Jdt 9), und das zudem die Autorität alter Männer anzweifelt, die als religiöse Autoritäten göttliche Gebote relativieren (vgl. Jdt 8,28-31; 11,11-19). Judit, die sich ins Heerlager der Belagerer begibt, die kurz davor stehen, mit der fiktiven Kleinstadt Betulia – Gotthausen – den letzten Ort einzunehmen, der sie von der Herrschaft über den gesamten Kontinent trennt, spielt ihre Schönheit aus und damit das einzige, was das Gottesdienstpublikum von ihr zu hören bekommt, so dass der Verstand des Heerführers Holofernes nachhaltig aussetzt. Dann aber agiert sie gar nicht im Sinne irgendwelcher Weiblichkeitsideale, sondern köpft ihn und nimmt, zurück in der Stadt, diesen Sieg auch selbstbewusst für sich in Anspruch – Gottes Hilfe natürlich fraglos vorausgesetzt. Wenn alles das einem Mann zugeschrieben worden wäre, wäre dieser Stoff vermutlich als leseordnungsfähig eingeschätzt worden, der die Machtfrage so klar zu entscheidet: Nicht Nebukadnezzar, sondern Gott hat die Macht, und Gott macht den Kriegen ein Ende – Kriege, die ausdrücklich mit sexueller Gewalt verknüpft werden, der Judit sich entgegenstellt.
Könnte man hier den gewalttätigen Kontext als Hindernis für die Leseordnung heranziehen, ist der Mut der Entschlossenheit der kinderlosen Witwe Tamar offenbar wegen der Überschreitung der Tabuschranke kein Leseordnungsstoff, verkleidet sie sich doch als Prostituierte, so dass ihr Schwiegervater unwissentlich mit ihr Zwillingssöhne zeugt: Er hatte ihr die Schwagerehe mit seinem jüngsten Sohn vorenthalten und sie dadurch alle Nachteile, nicht aber den Ausweg aus der Witwenschaft erben lassen. Dass eine Witwe sich oder anderen Recht und Sicherheit verschafft, ist offenbar für biblische Autor:innen durchaus erzählenswert. In der katholischen Leseordnung bleiben sie Versorgungsfälle. Sie taugen, um das Amt des Diakons zu begründen – handlungstragende Personen sind sie so wenig wie heute Frauen in der katholischen Konzeption Amtsträgerinnen sein können.