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5. Fastensonntag A // zum Evangelium

Christus - der Gesalbte

Jesus wird der Christus genannt – der Gesalbte. Salbungen sind im Alten Orient geläufiger als im heutigen Mitteleuropa, auch wenn zuletzt bei der Krönung von König Charles III. in England das Ritual der Königssalbung noch einmal Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung war, gerade weil sie im Verborgenen stattfand. Jemanden mit Öl zu salben, hat ganz praktische Funktion, denn es schützt die Haut im heißen, trockenen Klima, es schützt gerade Hautwunden vor dem Austrocknen, und steht damit für Leben und Kraft. Um Leben und Kraft aus anderen Quellen geht es auch bei symbolischen Salbungen, mit denen Autorität und Handlungsfähigkeit übertragen wird – insbesondere bei der Salbung zum König. Wesentlich weniger belegt ist eine Salbung zum Propheten, von der nur in 1 Kön 19,16 die Rede ist. Das verwundert wenig, gehört eine Salbung doch in eine hochritualisierte Handlungsabfolge hinein, wohingegen die Prophetie zumindest von ihrem Konzept her auf das ungezähmte Wirken der Geistkraft Gottes zurückgeht, die sich menschlichem Ordnungssinn durchaus zu entziehen vermag. (Num 11,25-29) Nachexilisch löst die Priestersalbung die Königssalbung ab (Peter Riede) und überträgt so auch die Funktion, zwischen Gott und Volk zu vermitteln, vom König zum nun sich etablierenden Amt des Hohepriesters. Als die Hasmonäer sich im 2. Jahrhundert v. Chr. sowohl das hohepriesterliche Amt übernahmen als auch den Königstitel beanspruchten, was beides mit einer Salbung verbunden ist, entwickelt sich innerhalb der apokalyptischen Erwartungen verschiedener Gruppierungen die Vorstellung eines „Gesalbten“ als Rettungsgestalt.

In Jesus von Nazaret findet die nachösterliche jesusgläubige Gemeinde ihren Messias, den Gesalbten Gottes, und versteht ihn in der Tradition der Hoffnungen auf einen Retter in königlicher Gestalt in der Linie Davids. Dafür muss sie allerdings die vielgestaltigen Messiasbilder der Zeitenwende-Zeit deutlich transformieren: Jesus befreit von Dämonen, nicht von den Römern, und seine Herrschaft wird erst in seiner Auferweckung offenbar, in endzeitlicher Perspektive. Um Jesus als Messias und Sohn Gottes fassen zu können, werden andere ersttestamentliche und zwischentestamentarische Motive wie das Motiv des leidenden Gerechten oder des Menschensohns eingespeist, und andere Aspekte des Messias‘ wie der Sieg über die Feinde und die Aufrichtung einer neuen königlichen Herrschaft in Israel werden abgeschliffen. Gesalbter, Christus, wird deswegen schnell zu einem Titel, der nur noch kleinere Schnittmengen mit den anderen Varianten frühjüdischer Messiaserwartungen hat.

Das ändert nichts daran, dass die Salbung ein eminent wichtiger Begriff für das Glaubensverständnis der frühen Gemeinde bleibt. Darum ist auch die Salbungsgeschichte in ihren verschiedenen Fassungen eine zentrale Szene, die in allen kanonischen Evangelien erzählt wird, auch wenn sich die Synoptiker von Johannes deutlich unterscheiden und es auch zwischen Markus und Matthäus auf der einen und Lukas auf der anderen Seite Differenzen gibt. Um Jesus als Messias und als leidenden Gerechten verstehen zu können, ja noch mehr, um ihr gerade als leidenden Gerechten als Messias verstehen zu können, muss seine Identität als Messias schon vor seinem Tod offenbar werden. Die Salbung zum Messias käme nach seinem Tod, als Begräbnissalbung, zu spät: Sie würde Jesus nachträglich wieder in die Gemeinschaft hineinholen und damit das Ausgestoßen-Sein des Gekreuzigten rückgängig machen – aber Jesus ist ja in seinem Sterben schon in der Gemeinschaft Gottes angekommen. Das ist keine nachträgliche Legitimation, sondern eine Bewahrheitung von Jesu Identität und Verkündigung. Indem Jesus der Todesstrafe nicht ausweicht – eine Flucht in die judäische Wüste wäre leicht möglich gewesen –, besiegelt er, was er über Gottes unbedingte Zuwendung gesagt hatte, und darüber, dass Gott nicht durch menschliches Machtstreben vereinnahmt und instrumentalisiert werden darf. Denn zu fliehen oder um Freispruch zu flehen hätte bedeutet, genau das zu relativieren und zurückzunehmen. Er muss also mit genau dieser Botschaft der unverfügbaren Liebe Gottes schon als der Gesalbte Gottes qualifiziert werden: Das geschieht in den Geschichten der Salbung Jesu.

Diese Salbung überliefern alle vier Evangelien. Johannes verortet sie in Betanien und benennt als salbende Frau Maria von Betanien – er erinnert an sie im Kontext der Geschichte, wie Jesus, der Gottes Macht über den Tod offenbar macht, Lazarus aus seinem Grab herausruft. Diese Erinnerung ist im Verlauf des Evangeliums aber eine Vorwegnahme – von dieser Salbung erzählt  das Johannesevangelium erst ein Kapitel später (Joh 12), und dann ist auch Lazarus dabei. Denn Jesu Zeugnis für Gott und Gottes Macht über den Tod zeigt sich anfanghaft bei Lazarus, Maria kennzeichnet Jesus dann in ihrer Geste als den Gesalbten, und als Gesalbter Gottes wird Jesus dann in seinem Sterben das Leben Gottes als grenzenlos offenbar machen. Die umgekehrte Anordnung der Geschichten mag darauf verweisen, dass alle diese Geschichten auf ein gigantisches „Jetzt“ verweisen, in dem Vergangenheit und Zukunft, Zeitliches und Ewiges zusammenfallen.

Bei Matthäus und Markus bleibt die Frau namenlos – und gerade von dieser namenlosen Frau erzählen beide, dass Jesus über sie sagt: „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ (Mk 14,9 par.) Diese unbenannte Frau steht den drei (bei Markus) bzw. zwei (bei Matthäus) mit Namen benannten Frauen gegenüber, die am dritten Tag versuchen, die Begräbnissalbungen an Jesus zu vollziehen. Sie ist eine Jedefrau – niemand, die oder der Jesu Identität begreift und darauf reagiert, darf verschwiegen oder zum Schweigen gebracht werden, vor allem die Frauen nicht, denen Männer ohnehin gerne den Mund verbieten wollen. Und tatsächlich begreift die Frau Jesu Sendung und Wesen, und damit auch seine Todesnähe in der aufgeheizten Stimmung in Jerusalem zur Wallfahrtszeit wegen des Befreiungsfestes Pessach unter römischer Besatzung. Sie begreift das, während die Männer im Kreis um Jesus noch keinen Begriff davon haben, weder von dem, was geschehen wird, noch davon, wie sie sich selber in dieser für sie noch so abstrakten Gefahr verhalten werden.

Die in allen vier kanonischen Evangelien überlieferte Geschichte bildet in der Fassung von Markus und Matthäus das Scharnier vom vorösterlichen zum auferweckten Jesus: Der Lebende, der den Seinen erschien, den sie im Brotbrechen erkannten, ist der Gesalbte Gottes. Bei Johannes nimmt die Salbung die Offenbarung Jesu als gerade in seinem Sterben in Gottes Leben Bewahrten vorweg. Nur Lukas erzählt bescheidener von dieser Szene: Bei Lukas ist es eine Sünderin, die mit der Salbung den Menschen ehrt, von dem sie sich erhoffen mag, was ihr bitter fehlt, nämlich die Erfahrung, in Gemeinschaft geborgen zu sein, gesalbt und gesättigt wohnend im Haus Gottes für  die Dauer der Tage (Lk 7,36ff/Ps 23). Aus der Verbindung von Maria von Betanien im Johannesevangelium und der Benennung als „Sünderin“ im Lukasevangelium wurde dann in der Christentumsgeschichte die Verleumdung der Maria aus Magdala als Prostituierte. Und die Salbung durch die Sünderin ist auch die einzige Variante dieser Geschichte, die im Laufe der Lesejahre notwendig an einem Sonntag gelesen wird (11. Sonntag im Lesejahr C). Die Salbung von Betanien ist ein Werktagsevangelium (Montag der Karwoche), die Markus-Version kommt in der Passion am Palmsonntag im Jahr B zu Gehör, allerdings nur in der Langfassung – in der Kurzfassung kommen überhaupt keine Frauen mehr vor, auch nicht als Zeuginnen des Sterbens Jesu. Und die Matthäus-Fassung hat es nicht in die Perikopenauswahl im Matthäus-Lesejahr A geschafft. Das ist eine magere Ausbeute für eine so wichtige Geschichte, gerade im Kontrast zur nur bei Matthäus überlieferten Szene, in der Jesus Simon als „(kleinen) Stein (petros)“ bezeichnet und im matthäischen Wortspiel mit dem Griechischen hinzufügt, auf diesen Felsen (petra) wolle er seine Kirche bauen. Diese Episode wird bis zu neunmal im Jahr vorgetragen. Angemessen erscheint das nicht.