
4. Sonntag der Osterzeit A // zur 2. Lesung
Wie umgehen mit der vielen Gewalt in der Bibel? Sie enthält ja nunmal viel Gewalt. In den erzählenden Passagen des Ersten Testaments als Erzählungen von Kriegen wie auch von individuell verübter Gewalt, und die Erzählstimmen sind dabei mal auf der Seite der Ausübenden, mal auf der Seite der Erleidenden zu finden. Sowohl bei Kriegs- als auch bei der individuell verübten Gewalt tauchen Frauen als Opfer auf, und insbesondere als Opfer sexueller und sexualisierter Gewalt. Neben diesen erzählenden Passagen gibt es Gewalt auch in Gebetstexten, also insbesondere im Psalter, und in weltdeutenden Texten wie bei den Büchern der Prophetie. Sowohl die Psalmen als auch die prophetischen Texte werden auch im zweiten Testament zitiert. So werden die Lieder vom Gottesknecht beim Propheten Jesaja verwendet, um die Hinrichtung Jesu von Nazaret deuten, verstehen und in den eigenen Glauben integrieren zu können: „Er trug unsere Krankheit wegen unserer Sünden, durch seine Wunden sind wir geheilt“ sind die bekanntesten Motive davon aus Jesaja 53,5, zitiert unter anderem im 1. Petrusbrief 2,20f. Bei Christinnen und Christen weitgehend unbekannt ist, dass Jesaja 52,13–53,12 bis heute nicht als prophetische Lesung (Haftara) im jüdischen Lesezyklus für den Synagogengottesdienst vorkommen, weil sie vom Christentum gleichsam enteignet wurden. Diese sprachliche, theologische und existenzielle Verarbeitung der Erfahrung, dass es unschuldiges Leiden gibt, hat sich das Christentum angeeignet, und dennoch gilt im Christentum oft das Erste Testament als Ausdruck eines gewalttätigen Gottesbildes, während das Zweite einen Gott der Liebe verkündigen würden.
Noch zwei weitere wichtige Umstände werden bei dieser holzschnittartigen Zuweisung übersehen: Zum einen wird das Gewaltpotential des Zweiten Testaments häufig nicht erkannt, denn die Beschimpfungen gegen Abtrünnige oder Menschen, die moralisch verurteilt werden wie etwa im 1. Kapitel des Titusbriefs oder im Judasbrief sind vielfach unbekannt. Das Johannesevangelium hingegen ist bekannt und sakrosankt, auch wenn seine Sprache zwar im Kontext der Entstehungszeit verständlich und nicht antisemitisch ist, aber über Jahrhunderte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit genährt hat und heute noch Vorurteile und Gewaltimaginationen gegen jüdische Menschen transportiert, verstetigt und legitimiert. Und zum anderen ist weitgehend unbekannt, wie klar in vielen erzählenden Texten Gewalt verurteilt wird, besonders Gewalt gegen Frauen. „So etwas darf man nicht tun“, wird unmissverständlich festgehalten, als Jakobs Tochter Dina von Sichem vergewaltigt wird (Gen 34,7). Und auch die Vergewaltigung von Davids Tochter Tamar durch ihren Bruder Amnon wird so erzählt, dass der Text sehr klar das Verbrechen benennt und dadurch verurteilt (2 Sam 13). In Rechtstexten der Bibel werden durchaus problematische Vorstellungen vermittelt, wie ein „richtiges“ Opfer sich zu verhalten hat – schreit die Frau nicht, ist sie mitschuldig, wenn die Tat in der Stadt geschah, wo man sie hätte hören können, auf dem freien Feld hingegen wird ihre Wehrlosigkeit anerkannt (Dtn 22,24-27). Arroganz diesen Texten gegenüber ist nicht angebracht, denn solche Vorstellungen sind bis in jüngste Zeit auch in bundesdeutscher Rechtsprechung noch anzutreffen (gewesen?), und in der gesellschaftlichen Meinungsbildung ist victim blaming noch weit verbreitet, weil Frauen zur falschen Zeit in der falschen Kleidung am falschen Ort unterwegs waren, weil sie das falsche – nämlich Alkohol – konsumiert haben, unaufmerksam waren…. Die Liste scheint endlos. In den narrativen Passagen aber sind ersttestamentliche Texte über Gewalt gegen Frauen bemerkenswert klar in ihrer Parteinahme für die Frau. Das gilt auch für die Erzählung des außerordentlich brutalen Femizids des Leviten an seiner Nebenfrau im Buch der Richter (Ri 19): Gerade die ungeschönten Darstellung und die Offenheit, mit dem der Text die „alternative Wahrheit“ zitiert, mit der der Mann seine Tat kommentiert (Ri 20,5), können als Verurteilung dieser Gewalt gelesen werden. Hier wird kein Täter entlastet und keinem Opfer eine Mitschuld zugeschrieben.
Auch die Psalmen ringen vielfach mit der Erfahrung von Gewalt. Sie werden häufig gekürzt oder gleich ganz beiseite gelegt, weil sie ihrerseits wiederum Gewaltsprache enthalten. Dabei ist aber essentiell, dass sie aus einer Opferperspektive sprechen, die solche Gewalt erleidet, und dass sie sprachliche Gewalt (klassisches Hatespeech) zitieren und Gott hinhalten, damit sie ihre Macht verliert. Und sie bringen Gefühle ins Wort, die die Erfahrung von Gewalt erzeugt: Selbstverachtung, Hass, Rachegelüste… Sie sind hochtabuisiert, aber im Psalter finden sie Ausdruck als Gefühle, die erst einmal da sind. Wer sie gar nicht nachvollziehen kann, lebt zu seinem oder ihrem Glück ein sehr geborgenes Leben, das den meisten Menschen auf der Welt so nicht gegeben ist. [AD1]
Die Bibel ist ein sehr realistisches Buch, gerade weil sie Literatur ist. Sie enthält alles Glück und alles Grauen, das Teil dieser Welt und des menschlichen Lebens ist, und sie weicht der Erfahrung von Gewalt nicht aus. So wie die Lieder vom Gottesknecht, die Gewalterfahrungen verarbeiten und versuchen, dem Weiterleben einen Sinn zu verleihen, das Leiden der Sinnlosigkeit zu entreißen. Dass auch dies Gewalttexte sind, dass auch die Erzählungen über das Sterben und Lebendigsein Jesu ein Ringen um Sinn in einer gewaltgeprägten Welt sind, das geht oft unter, weil sein Leiden zu einem Topos geworden ist, dessen brutale Wörtlichkeit von Glaubensformeln überdeckt wird. Indem der formelhaft gewordene Umgang mit Gewalt im Gottesdienst rezipiert wird, viele andere Gewalttexte aber nicht oder diese nicht als Gewalttexte erkannt werden, ergibt sich oft der Eindruck, man müsste biblischen Texten als gläubiger Mensch zustimmen können. Diese Herangehensweise ist aber problematisch, weil die Bibel als realistisches Buch menschlicher Erfahrung natürlich auch inakzeptable Passagen enthält. Die Bibel ist ein relevantes Buch, in das man sich hineinlesen kann, das ist etwas anderes.