
4. Fastensonntag A // zur ersten Lesung
Die Frauen um David
Die erste Lesung ist eine märchenhafte Erzählung, eine von mehreren, die von der Erwählung Davids, des Sohnes des Jesse aus Betlehem, zum König von Israel handeln (zusammengekürzt aus 1 Sam 16,1-13). In dieser Erzählung ist es der Prophet Samuel, der - noch zu Lebzeit von König Saul - nach Betlehem kommt, um einen neuen König zu salben. Er wird vom Geist Gottes zu Jesse geführt, und wie in vielen Märchen ist nicht der erste Sohn der Erwählte, noch der zweite, noch der dritte... erst der siebte und jüngste Sohn ist der Gesuchte.
Alternativ zu dieser Geschichte gibt es die Erzählung, dass David ins Heerlager kommt, um seinen rekrutierten Brüdern Brot und Käse zu bringen, und dann, nur mit den Waffen eines Hirtenjungen ausgestattet, mit dem Riesen Goliath aus dem gegnerischen Heer kämpft und diesen besiegt. (1 Sam 17) Eine dritte Tradition kennt David als Musiktherapeut, der dem psychisch erkrankten Saul mit seinem Harfenspiel Seelenfrieden zu verschaffen vermag. (1 Sam 16,14-23)
Alle drei Erzählungen gehören zum königsfreundlichen Material der biblischen Tradition. Es gibt aber auch ausgesprochen königs-, macht- und herrschaftskritische Erzählstränge, und das ist bemerkenswert, weil schriftliche Traditionsbildung und Überlieferung in der Regel regierungsnah anzusiedeln ist - schreiben ist teuer, und Literalität ist nicht selbstverständlich, sondern nur in der gehobenen Priester- und Beamtenschaft zu vermuten. Die königskritischen Traditionen finden ihren Ausdruck in den Erzählungen, die von den Frauen um David handeln. Hier werden Probleme mit der Ausübung monarchischer Macht, Machtmissbrauch und leichtfertiger Umgang mit Macht erzählt.
Die Geschichte von Michal, Tochter Sauls und erste Frau Davids, erzählt davon, wie fragil und verratanfällig Beziehungen sind, und wie Davids Machtstreben diese Beziehung ruiniert. (1 Sam 18-19, 2 Sam 3.6)
Abigail begegnet David, als er ein Anführer von Kleinkriminellen und Schutzgelderpresser ist, und bringt in auf den JHWH-gemäßgen Weg zurück - ihre prophetische Zusage an David, dass Gott seiner Dynastie Dauer verleihen würde, wird später vom Propheten Natan nur noch wiederholt. (1 Sam 25)
Batseba fällt David ins Auge, als er im Winter, während der Kriegszeit und als seine Truppen tatsächlich für ihn kämpfen, in Jerusalem geblieben ist, also nicht mit in den Krieg gezogen ist, sondern statt dessen diese Frau eines seiner Militärs beim Reinigungsbad beobachtet. David lässt Batseba zu sich bringen und verkehrt mit ihr - ob das einvernehmlich oder eine Vergewaltigung ist, lässt sich anhand des Textes nicht entscheiden. Auf jeden Fall ist das Machtgefälle groß, und als Batseba in der Folge schwanger wird, lässt David ihren Mann so im Kampf platzieren, dass er quasi unvermeidlich fällt. Das Kind aus dieser Verbindung wird wegen Davids Schuld todkrank und stirbt auch tatsächlich wenig später. (2 Sam 11-12) Während seiner Krankheit ist David geradezu außer sich vor Reue, fastet und betet - um dann, als es gestorben ist, umstandslos wieder zum Regierungsalltag zurückzukehren: "Als das Kind noch am Leben war, habe ich gefastet und geweint; denn ich dachte: Wer weiß, vielleicht ist JHWH mir gnädig und das Kind bleibt am Leben. Jetzt aber, da es tot ist, warum soll ich da noch fasten?" (2 Sam 12,12f) Nicht nur an dieser Stelle ist David von einer solche Kühle, dass einem noch Jahrtausende später beim Lesen kalt davon wird.
Tamar, Davids Tochter, wird von ihrem Bruder, Davids Sohn Amnon, vergewaltigt - der Text in 2 Sam 13 benennt sehr klar und eindeutig seine Gewalt und sein Verbrechen, ihr vergebliches Flehen und Argumentieren und ihren ebenso vergeblichen Verweis, dass er sie nach der Vergewaltigung nicht einfach verstoßen darf, sondern dass sie ein Recht auf eine Ehe hat. David, ihr Vater, wäre es zugekommen, Gerechtigkeit über eine Entschädigung einzuklagen - aber David bleibt passiv. Zwar wird er zornig, aber sein Zorn bleibt eine folgenlose Emotion. Der König, der doch für die Durchsetzung des Rechts zuständig ist, erscheint hier schwach und seine Umgebung als ein rechtsfreier Raum.
In der Folge rächt Abschalom, ein weiterer Sohn Davids, Amnons Verbrechen an Tamar, indem er Amnon umbringt. Daraufhin fällt Abschalom wegen der Blutrache als Thronfolger ebenfalls aus, denn er muss fliehen. Davids Heerführer Joab ist es, der wegen dieses Machtvakuums besorgt ist und eine Diplomatin holen lässt. Diese weise Frau aus Tekoa soll David dazu bringen, dass er Abschalom rehabilitiert. (2 Sam 14) Die Frau ist leidlich erfolgreich, aber David nicht konsequent genug, um die prekräre Situation nachhaltig zu lösen - wieder ist der König schwach.
Rizpa, eine der Witwen von Davids Vorgänger Saul, ist zugegen, als David zulässt oder initiiert - wieder einmal lässt der Text hier entsprechende Vermutungen zu -, dass Sauls letzte männliche Verwandte umgebracht werden. Sie wacht ein halbes Jahr lang, über die Sommerhitze hinweg, bei den Hingerichteten, bis David das nicht länger ignorieren kann und sowohl Saul als auch dessen Söhne und Enkel ordentlich bestatten lässt. (2 Sam 21)
Mit Abischag schließlich wird ein Streiflicht darauf gerichtet, dass Frauen auch höchste Regierungsämter innehatten - sie ist in seiner letzten Lebensphase seine Verwalterin (1 Kön 1), wird allerdings oft als eine Mischung von Pflegerin und Geliebten missverstanden.
Im katholischen Gottesdienst kommt von all diesen Geschichten nur eine vor, und auch die nicht vollständig - das ist Geschichte der als Mutter des Thronfolgers Samuel unumgänglichen Batseba, die in Teilen Gegenstand einer Werktagslesung ist. Alle anderen werden ausgespart. Auch die durchaus kritische Geschichte, wie David zu Sauls Nachfolger wird, wird in der Leseordnung nur in einer Auswahl zum Vortrag gebracht, die sowohl vereinfacht als auch glättet. David erscheint in der Textauswahl für den Gottesdienst als einsamer, bis auf die halbe Episode mit Batseba zölibatärer Held fast ohne Makel, dessen problematischer Umgang mit Macht und Recht kein Thema ist. David Ruf ist legendär, er gilt als König schlechthin. Gerade darum wäre es gut, die Ambivalenzen nicht auszublenden, die der biblische Text in die Geschichte einzieht. Die Auswahl fast ausschließlich der königsfreundlichen Elemente erscheint paradigmatisch für eine Organisation, deren missbräuchlicher Umgang mit unkontrollierter monarchischer Macht lange verborgen bleiben konnte.