
4. Adventssonntag A // zur 1. Lesung
Es geht nicht um die Art der Empfängnis. Es geht darum, wem zu glauben ist. Es geht darum, keine Zweckbündnisse mit Bedrohern einzugehen und nicht auf militärische Stärke zu setzen. Es geht darum, die Hoffnung und das Gottvertrauen in die nächste Generation zu tragen.
Gott redete weiter zu Ahas: »Fordere dir ein Zeichen von Gott, deiner Gottheit! Unten in der Tiefe fordere es oder oben in der Höhe!« Aber Ahas sagte: »Ich werde nicht fordern, und ich werde Gott nicht versuchen.« Jesaja sagte: »Höre doch, du Haus Davids! Ist es euch nicht genug, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meine Gottheit ermüdet? Deshalb wird euch die Herrschaft selbst ein Zeichen geben: Sieh doch, eine junge Frau ist schwanger, sie wird ein Kind gebären und es ›Gott-ist-mit-uns‹ nennen. Rahm und Honig wird es essen müssen, bis es dann versteht, das Schlechte abzulehnen und das Gute zu wählen. Aber noch bevor das Kind versteht, das Schlechte abzulehnen und das Gute zu wählen, wird der Ackerboden von den beiden Königen verlassen sein, vor denen du Angst hast. Gott wird dir, deinem Volk und deiner Familie Tage bringen, wie sie nicht gekommen sind, seit sich Efraim von Juda trennte – nämlich den Assyrerkönig.«
(Buch Jesaja, Kapitel 7, Verse 10-14)
Ahas, König von Juda, ist bedroht. Diesmal ist es nicht wie so oft die eine Großmacht aus dem Norden - hier wäre es Assur -, sondern es sind zwei kleinere Mächte aus dem Norden, die Juda bedrohen, weil sie selbst unter dem Druck Assurs leiden. Das Wort, das sich später so wirkmächtig selbständig gemacht hat, vom erwarteten Kind, gehört in den Kontext der syrisch-ephraimitischen Krise der Jahre 734/733 v.Chr. Damals, vor 2.758 Jahren, belagerten der König von Aram/Syrien, Rezin, und Pekach, der König von Israel, gemeinsam Jerusalem.
In dieser Situation erhält König Ahas ein Gotteswort, obwohl er keine Zeichen erbeten hatte - aus Furcht vor einem unangenehmen Ergebnis oder aus mangelndem Vertrauen? Der Text lässt das offen. Aber über Jesaja kommt das Wort doch zu Ahas: Die Koalition aus dem Norden wird zerbrechen, noch bevor das Kind, mit dem eine junge Frau von Stand gerade schwanger ist, in ein verständiges Alter gekommen sein wird. Der hebräische Text, der im übrigen in keiner Weise die Frau als Jungfrau bezeichnet, spielt hier auf eine im Deutschen nicht gut wiederzugebende Weise mit der Zeit: Die Verben "empfangen haben", "gebären" und "nennen" veweisen alle auf aktuelle oder unmitttelbar bevorstehende Handlungen, aber mit feinen Unterschieden: "Empfangen haben" steht in der Verbform für abgeschlossene Handlungen und kann also auch adjektivisch übersetzt werden - "ist schwanger". "Gebären" steht als Partizip, also "ist gebärend", und die Benennung des Kindes durch die Mutter schließlich steht zwar in der Zeitform für abgeschlossene Handlungen, ist jedoch durch das weiterführende "Und" so mit dem vorherigen Verb verbunden, dass es als eine Weiterführung der begonnenen Handlung übersetzt werden muss, wobei die Verbform anzeigt, dass diese nächste Handlung nicht unsicher oder offen ist, sondern sicher eintreten wird. Es ergibt sich: "Die junge Frau ist schwanger und im Begriff, einen Sohn zu gebären, und sie wird ihn 'Gott mit uns' nennen." Die Geburt des Kindes wird so zu einem Bestätigungszeichen für die Aussage, dass die aramäisch-israelitische Koaltion scheitern wird. Diese Ankündigung eines neuen Herrschers wird später auf Ahas' Sohn Hiskija bezogen, der gleichwohl nicht "Immanuel, Gott mit uns" heißen muss, weil er im Namen trägt, wie Gott mit Juda ist: "Hiskija" heißt "JHWH ist Stärke". Wenn Ahas Ruhe bewahrt, dann werden Judas Bedränger selber zur Beute werden. wird die militärische Bedrohung ein glimpfliches Ende finden: "Gott ist mit uns". Der Fokus liegt also nicht auf dem Beginn der Schwangerschaft, über den Jesaja gar nichts sagt, und auch eine göttliche Zeugung oder Jungfrauengeburt geht in keiner Weise aus dem Text hervor. Es geht darum, die Erfahrung des Gottvertrauens mit in die nächste Generation zu nehmen, die Zukunft von diesem Gottvertrauen bestimmen zu lassen.
In der Fortschreibung dieses Textes, als die Warnung vor dem König von Assur an das Gotteswort angehängt wird, wird die Ankündigung zum Unheilswort. Erst recht ergibt sich das aus der Komposition der Kapitel Jesaja 6-8, wo in Kapitel 8 aus der Heils- eine Unheilsprophetie wird. Denn Ahas bewahrt keine Ruhe, sondern schließt sich Assurs König Tiglat-Pileser III. als Vasall an, und in der Folge wird er die Assyrische Bedrohung nie mehr los, und das, obwohl die aramäisch-ephraimitische Krise ein Ende fand, gerade weil Tiglat-Pileser III seinerseits Samaria belagerte und der König von Israel dadurch zum Abbruch der Belagerung Jerusalems gezwungen wurde. Aber das ist eine andere, hochkomplexe Geschichte.
Was macht nun dieses Wort, gegeben für einen Herrscher vor über zweieinhalbtausend Jahren, in einer lokalen militärischen Krise, wie es sie so viele gegeben hat seitdem, zuerst im Matthäusevangelium und schließlich heute in unserem Advent? Matthäus, der dieses Wort aufgreift, um die Geburt Jesu auszudeuten, schreibt sein Evangelium nach dem jüdischen Krieg der Jahre 70-74 n.Chr., der die Vernichtung Jerusalems und des Tempels, zahlreiche Kriegsverbrechen und vervielfachte Unterdrückungsgewalt mit sich brachte. Wenn er nun auf diesen Text aus dem Buch Jesaja zurückgreift, in dem es einen Hoffnungsschimmer gab, weil die Gegner aufgeben müssten, noch bevor "Gott mit uns" herangewachsen sei, ergibt sich: Die Rettung kommt eben vom "Gott mit uns", vom Kind, nicht aus eigener Kraft, nicht aus militärischer Stärke, nicht aus politischen Bündnissen mit Bedrohern. Matthäus schreibt, als der Hoffnungsschimmer aus Jesaja 7 sich längst in Unheilsprophetie gewandelt hat, eben weil Ahas auf ein Bündnis mit Assur gesetzt hatte, der Gegner aus dem Norden also letztlich das Geschick Jerusalems/Juda besiegeln konnte. Und bei uns? Matthäus' Verwendung des Jesaja-Zitats kann wesentlich Interessanteres und Zukunftsweisenderes für uns transportieren, als der verengte Blick auf die (Nicht-)Jungfrau uns sehen lässt.
"Gott mit uns" war so lange eine Beschwörung in militärischen Kontexten, es stand auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg, es kann so verführerisch sein, sich Gottes zu bemächtigen, um mit Gewalt Politik zu machen. Und die Übersetzung in der ersten griechischen Fassung des Ersten Testaments, mit "Jungfrau" - möglicherweise dem vorherrschenden Sexualpessimismus der klassischen griechischen Antike mit ihrer Frauenfeindlichkeit geschuldet - hat wiederum den Grundstein für ganze Glaubensgebäude gelegt, in denen dieser Text eine zweite Karriere gemacht hat. Dabei spricht die Erwartung einer Geburt und die hoffnungsvolle Zusage, mit dieser Geburt dem "Gott mit uns" zu begegnen, wohl eine Ursehnsucht an: auf Bewahrung des Lebens, auf Hoffnung, auf den Neubeginn, den jedes Neugeborene bedeutet.
Mit der Mahnung, auf dieses Kind zu schauen und es in Gottvertrauen großzuziehen, anstatt Bündnisse mit Bedrohern einzugehen, könnten wir auch noch einmal auf die Bedrohungen unserer Zeit schauen: Auf die weltweiten faschistischen Bewegungen und ihre finanzielle Macht, auf die unerwarteten Bündnisse von Präsidenten, die ihre eigene Macht weit mehr schätzen als die Menschen, für die sie Verantwortung tragen, auf den Zynismus der Superreichen, die mit Angst, Desinformation und Feindbildern ihren Einfluss sichern und ihr Vermögen noch weiter vermehren. Auf das Kind und die Zusage "Gott mit uns (in diesem Kind)" zu schauen, könnte dazu ermutigen, keine Zweckbündnisse mit Menschenfeinden einzugehen, auch keine ideellen, ihnen keinen Zugriff auf die eigene Hoffnung zu gewähren, sich nicht freiwillig in Abhängigkeit von ihnen zu begeben.
Die Welt ist komplex, sie war es damals vor 2.758 Jahren, sie ist es heute. Und die Bibel ist kein Politik-Ratgeber. Aber sie ist eine Hoffnungsquelle, weil ihre Worte immer noch weitergetragen werden, während so viele Weltreiche schon untergegangen sind. Aus den Glaubensgeschichten vor uns können wir lernen: dass sich der Gewalt und ihrer Logik zu beugen nicht frei machen wird. Dass das Leben stärker ist als die Stärke der Mächtigen. Dass es Neuanfänge geben kann. Kriegsgewalt ist immer auch Gewalt gegen Frauen und Kinder, und schwangere Frauen sind ihr gegenüber bedrängend schutzlos.Dennoch ist diese schwangere junge Frau damals eine, die mit Hoffnung gebären soll. Das ist etwas anders als Naivität, es ist Zuversicht, die gebetet hat (so wie Mut Angst ist, die gebetet hat). Aus solcher Hoffnung zu leben, das könnte Jesajas Wort für uns heute sein.