
3. Fastensonntag A // zum Evangelium
Die Abschnitte aus dem Johannesevangelium sind oft lang. Sie enthalten gewundene Gespräche, die oft schwer verständlich sind – die von der Leseordnung angebotene Kurzfassung des Evangeliums wird darum oft dankbar genutzt. Beim Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen (Joh 4,5-42) gibt es auch so ein Kurzfassungs-Angebot, bei dem einiges wegfällt.
Erst einmal zum vollständigen Gespräch: Eine Frau und ein Mann am Brunnen, das ist in biblischer Tradition ein Setting, das auf ein Fest verweist, denn es leitet oft eine Hochzeit ein. Hier findet es zur Mittagsstunde statt, und Jesus bittet, dass die Frau ihm zu trinken geben solle – genau wie bei seinem Sterben, auch dort stößt Jesus zur Mittagsstunde aus, dass er solchen Durst hat.
Wie oft bei Johannes findet auch hier das Gespräch auf zwei Ebenen statt – von Wasser und Brot zu den himmlischen Speisen, mit denen Menschen für immer gesättigt werden, weil es Speisen der Gottesnähe sind. Und es geht auch um das Gegenteil dieses Sattwerdens: Als die Frau Jesus bittet, ihr zu trinken zu geben von dem Wasser, das den Durst für immer stillt, antwortet er mit der Aufforderung, sie solle ihren Mann dazuholen. Dann könnte sie es halten wie Eva im Garten Eden, die begehrenswerte Frucht dem Menschen zu geben, mit dem sie innig verbunden ist. Hier würde aber umgekehrt nicht der Tod durch Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit und des eigenen Ausgesetztseins ins Leben kommen, sondern die dauerhafte Gottesgeborgenheit im verletzlichen Leben Ausdruck bekommen. Aber die Frau kann niemanden holen, denn der, mit dem sie lebt, ist nicht ihr Mann, mit ihm gibt es diese innige Gemeinschaft nicht. Und Jesus bestätigt das, auch, dass sie schon fünf Männer vorher hatte. Daran erkennt die Frau Jesus als Propheten, als jemanden, der die Wahrheit über ein Leben zu erkennen und zu deuten vermag.
In der gekürzten Fassung des Evangeliums fallen nun die Verse Joh 4,16-19a weg, also genau das Gespräch über die Männer. Damit fehlt eine Stelle, die viele Fehldeutungen und ärgerliche Predigten nach sich gezogen hat, weil die vielen Ehen der Frau als liederlicher Lebenswandel ausgelegt wurde – und dann lebt sie auch noch in wilder Ehe, der Gipfel der Verruchtheit…! Was Jesus hier aber erkennt, ist kein moralischer Makel der Frau. Sondern es ist deren Armut und Rechtlosigkeit: Oft hintereinander heiraten müssen Frauen, die ansonsten völlig unabgesichert sind, die weder erben noch sich rechtlich vertreten können. Aus der Ehe als Lebensgemeinschaft wird so eine Ehe aus purer Not. Und der Gipfel der Ausbeutung ist, dass der aktuelle Mann der Frau nicht einmal zu seiner Lebzeit die Absicherung einer Ehe zu geben bereit ist. Man darf hier durchaus an ein der Prostitution ähnelndes Konstrukt denken, bei dem die Frau mit dem Mann zusammenlebt, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Am Brunnen begegnet sie nun einer völlig anderen Möglichkeit, wie Menschen zusammenleben könnten – in hochzeitlicher Freude und, durch die Verknüpfung mit der Kreuzigung Jesu nur für die Lesenden im Licht des gesamten Evangeliums erkennbar, in österlicher Freude, weil Gottes Güte wirklich bedingungslos und ohne Grenzen ist. Am Brunnen werden Menschen zu Gesehenen – körperliche Liebe wird im Hebräischen nicht umsonst mit dem Verb „erkennen“ umschrieben. Und die erste und größte Erfahrung dieses Gesehenwerdens am Brunnen ist die Erfahrung Hagars in der Wüste, die als einziger Mensch in der gesamten Bibel Gott bei Gottes Namen nennt: Du bist der Gott, der mich sieht. (Gen 16,13)
Weil die Frau am Brunnen zur Gesehenen wird, weil Jesus ihre Not sieht, darum erkennt sie ihn als Mensch-von-Gott. Wenn das im gekürzten Evangelium weggelassen wird, dann fehlt dem Evangelium eine Tiefendimension, und dem Begreifen der Frau fehlt die Grundlage. Es wird dadurch zu einer intellektuellen Angelegenheit – so wie Glaube oft als ein Für-wahr-Halten missverstanden wird. Auf der Grundlage dieses Gesehensein kann nun gegenseitiges Verstehen wachsen, so dass auch Jesus sich zu erkennen geben kann: Ich bin es, der mit dir spricht. (Joh 4,26)
Aus dieser Erfahrung heraus geht die Frau in die Stadt zurück und verkündet allen, dass sie den Menschen gefunden hat, der wirklich von Gott kommt und Gott ins Leben bringt. (Joh 4,28f) Und die Menschen glauben auf ihr Wort hin – das bezeugt die Echtheit ihres Apostolats. (Joh 4,39) Sowohl ihr Apostolat – das Gehen und Verkündigen – als auch dessen Erfolg – der Glaube der Menschen aus Samaria auf ihr Wort hin – aber entfällt in der gekürzten Evangeliumsfassung. Was allerdings nicht gestrichen wird, ist die Aussage der Menschen, dass sie nun, da sie Jesus selbst hören, nicht mehr ihretwegen glauben, sondern seinetwegen. Mag dies nun auch einen logischen Bruch bedeuten: Diese Notiz erschien bleibt in der gekürzten Fassung stehen. Ihr Glaubenszeugnis ist für die Kurzfassung entbehrlich, wohingegen nicht entbehrlich ist, extra zu betonen, dass die Menschen auf dieses Zeugnis nun nicht mehr angewiesen sind. Das entspricht nicht der Intention des Johannesevangeliums.
Diese Kurzfassung ist kein Einzelfall. Auch an anderen Sonntagen kann am Evangelium gekürzt werden, und regelmäßig fallen dadurch Frauen aus dem Text heraus. Sei es die Salbung Jesu durch eine Frau am Palmsonntag im Markus-Lesejahr, wo in der gekürzten Fassung der Markus-Passion überhaupt keine Frauen mehr vorkommen, sei es die Frau mit den Dauerblutungen, die Jesus erst in Kontakt mit seiner eigenen Kraft-zum-Leben bringt, so dass er die Tochter des Jairus ins Leben zurückholen kann – die Frauen erscheinen als entbehrlich: Kann man lesen, muss man aber nicht. Eine Kurzfassung gibt es auch für die von Lukas entschärfte Fassung der Diskussion mit den Sadduzäern um die Auferstehung, die aus der Not der Frau, die sieben Konsekutivehen eingehen muss, einen billigen Herrenwitz machen (vgl. die CiG-Beilage weit! 4/2025) – auch hier impliziert die Kurzfassung, dass das Schicksal von Frauen nicht so wichtig ist. Hier wäre aber etwas Wesentliches über Jesus zu lernen gewesen, genau wie bei der Begegnung am Jakobsbrunnen: Jesus sieht die Not der Frauen im Patriarchat, und er billigt diese Ordnung nicht. Das ist entbehrlich, sondern eminent wichtig.