
27. Sonntag im Jahreskreis A // zur zweiten Lesung
Lasst euch nicht von Sorgen bestimmen, bringt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen in Gebet und Bitte vor Gott, immer begleitet von Danksagung. Und Gottes Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Im Übrigen, liebe Schwestern und Brüder, seid bedacht auf das, was wahrhaftig ist, was integer ist, was gerecht, was rein, was liebenswert, was lobenswert ist, sei es eine gute Charaktereigenschaft, sei es eine verdienstvolle Tat! Was ihr gelernt, angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut. Dann wird Gott, die Quelle des Friedens, mit euch sein.
(Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi, Kapitel 4, Verse 6-9)
Der Friede Gottes ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er meint umfassendes Gut-Ergehen, zu dem auch Sicherheit und Gerechtigkeit gehören. Und die Herzen, die bewahrt werden sollen, damit ist der Sitz des Verstandes gemeint: Die ganze Haltung eines Menschen soll so sein, dass er Gemeinschaft mit Christus hat. Es geht also um Vertrauen, um die Hoffnung auf Rettung und Bewahrung, auch da, wo der sehr unfriedliche römische Friede das Ende der Geschichte zu bestimmen scheint.
Paulus schreibt an eine Gemeinde, die er nach der Erzählung des Lukas in der "Geschichte der Apostelinnen und Apostel" selbst gegründet hat (Apg 16,11-15) - ihren Ausgangspunkt hatte diese Gemeinde demnach am Versammlungsort der jüdischen Gemeinde am Fluss vor der Stadt, wo Paulus und sein Begleiter Silas mit den Frauen redeten, die dort zusammenkamen. Zu den jüdischen Gemeinden der römisch-griechischen Welt gehörten vielerorts auch die "Gottesfürchtigen", die sich dem Glauben Israels angeschlossen hatten, jedoch selbst nicht jüdisch waren. Und in Apg 16 ist interessanterweise nur von gottesfürchtigen bzw. jüdischen Frauen die Rede. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Botschaft der Jesusgläubigen gerade für Frauen hochattraktiv war, beinhaltete sie doch die Möglichkeit, die Geschlechtergrenzen ihrer Zeit zu überschreiten und als Getaufte zu einer Gemeinschaft zu gehören, in der es keine Über- und Unterordnung gab. Die ersten Adressatinnen des Paulus in Philippi waren nach Apg 16 reiche, freie Frauen. Aber zu den Adressatinnen der Briefe gehörten in der Gemeinde, die dann in der römischen Kolonie Philippi bestand, mit Sicherheit auch versklavte Menschen, denn etwa ein Viertel der Bewohner*innen von Philippi war versklavt.
Versklavung hat viele Gesichter. Versklavte Menschen konnten hohe Stellungen in reichen Haushalten einnehmen. Sie konnten aber auch sexuell ausgebeutet werden. Ein versklavter Mensch war im römischen Rechtssystem einfach nur noch eine Sache. Gerade die sexuelle Ausbeutung von versklavten Frauen und Männern markiert ihre Existenz: "Die erzwungene Unkeuschheit prägte die Versklavung in den Körper der Sklavin ein und sprach ihr grundsätzlich jede Ehre ab."(1) Gerade das Lied, in dem Paulus Jesus zuvor in diesem Brief besingt als den, der sich erniedrigte, bis er wie einem versklavten Menschen gleich war, dürfte für diese Gruppe enorm aufrichtend gewesen sein. Insofern kann auch der Tugendkatalog, den Paulus hier aufzeigt, empowernd sein: Alle können ehrbare Menschen sein und als solche handeln. Inwieweit aber gerade die versklavten Frauen und jungen Männer der Gemeinde, die immer in der Gefahr der sexuellen Ausbeutung lebten, überhaupt Handlungsmöglichkeit hatten, dies nicht nur in der Gemeinde, sondern auch in ihrem sonstigen Leben umzusetzen, das bleibt dahingestellt. Nicht alle können sich in allem ein Beispiel an Paulus nehmen, denn Paulus ist zwar durch seine jüdische Identität im römischen Reich gefährdet, aber durch seinen Status als freier römischer Bürger auch geschützt und privilegiert.
Die jesusgläubigen Gemeinden lebten in der Naherwartung der Vollendung der Königsherrschaft Gottes. Mehr noch: Sie lebten in der Gegenwärtigkeit dieser Königsherrschaft. Für eine kurze Zeit gab es innerhalb der Gemeinden tatsächlich keine Unterschiede, weder zwischen Frauen und Männern, noch zwischen versklavten und freien Menschen, ein Aufleuchten einer großen Freiheit. Dass "Gebet" in diesem Zusammenhang immer mit Dank verbunden ist, leuchtet ein. Es gibt noch etwas zu bitten - aber der Dank überstrahlt alles. Diese Tendenz prägt das Beten in christlichen Gottesdiensten bis heute. EIne gewichtige Ausnahme stellen Gemeinschaften dar, bei denen die biblischen Psalmen das Grundgerüst des Betens bilden, denn die Psalmen sind hier tatsächlich weniger eingeschränkt. Die Gebetstypen, die im Psalter aufzufinden sind, sind Lob, Dank, Klage, Bitte und Einforderung - letzteres ist die intensive Bitte darum, dass Gott sich als Gott erweisen möge, ohne dass dies notwendig mit einer konkreten Bitte verknüpft sein muss. Im Brief an die Gemeinde in Philippi wie auch in heutiger normaler Gottesdienstpraxis bleiben davon nur Lob, Dank und eine gezähmte Form der höflich vorgetragenen Bitte übrig.
Die stürmische Bitte hat so wenig Raum wie die Klage oder die existenziell bedeutsame Einforderung, dass Gott sich für die Beterin, für den Beter als Gott erweisen solle. Mir scheint das mit einem patriarchalen Gottesbild zusammenzuhängen und für eine Beziehung rückhaltlosen Vertrauens keine gute Grundlage zu sein. Ein liebevoller, aber übermächtiger Bestimmer-Vater wird spätestens dann zum Problem, wenn patriarchale Herrschaftsstrukturen die Gemeinden dominieren und prägen. Das konnte Paulus noch nicht wissen - aber es ist wichtig, damit aus seinem Aufruf zum fortwährenden Dank kein Herrschaftsinstrument wird.
(1) Sheila Briggs, Der Brief an die Gemeinde in Philippi. Die Aufrichtung der Gedemütigten, in: Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 625-634, hier 631.