
24. Sonntag im Jahreskreis A // zur ersten Lesung
Groll und heftiger Zorn: beides ist verabscheuenswürdig; Menschen mit schwachem Charakter halten an ihnen fest. Menschen, die sich an anderen rächen, werden die Rache der Ewigen erfahren, und ihre Verfehlungen wird sie fest im Gedächtnis bewahren. Vergib deinen Mitmenschen Unrecht, dann wirst auch du, wenn du darum bittest, von deinen Verfehlungen freigesprochen. Es gibt Menschen, die halten am Zorn anderen gegenüber fest: Und dann suchen sie bei der Ewigen Heilung? Mit Menschen, die ihnen doch gleich sind, haben sie kein Erbarmen: Und dann bitten sie für ihre eigenen Verfehlungen? Sie selbst, die ja vergänglich sind, lassen vom Zorn nicht ab: Wer wird dann Versöhnung schaffen für ihre eigenen Verfehlungen? Denke an das Ende und lass ab vom Hass, denke an Verwesung und Tod und bleibe den Geboten treu. Denke an die Gebote und trage den Mitmenschen nichts nach, erinnere dich an den Bund mit der Höchsten und sieh über einen Fehltritt hinweg.
(Jesus Sirach, Kapitel 27, Vers 30-Kapitel 28, Vers 7)
Das Weisheitsbuch Jesus Sirach wurde im 2. Jahrhundert vor der Zeitenwende geschrieben. Es befasst sich mit dem guten Leben und allem, was dazugehört: Wie kommen Menschen auf dieser Welt zurecht? Es stützt sich dabei auf die Tradition der Hebräischen Bibel wie auch auf die Diskurse seiner Entstehungszeit, in der zu den Männlichkeitsidealen die Mäßigung und die Souveränität über die eigenen Emotionen gehörte. Wenn Jesus Sirach sich nun klar dagegen positioniert, Groll zu hegen und Rache zu suchen, dann lässt sich das zunächst als eine Sache der Seelenhygiene verstehen. Groll mit sich herumzutragen macht Menschen unfrei und erschwert das eigene Wachstum. Der Verweis auf die Vergänglichkeit ruft nicht nur die Sterblichkeit ins Gedächtnis, vor der mancher Groll umso kleinlicher wirkt, sondern auch das eigene Körpersein, und das heißt auch: Verbundensein mit allem anderen Lebendigen, weil alles vom Lebensatem Gottes lebt. Denn das hebräische Konzelt von "Seele" ist nicht der Begriff der platonischen Einzelseele, sondern heißt ganz konkret "Kehle", wo der Atem wohnt, der Menschen lebendig macht. Damit ist, was einen Menschen ganz individuell ausmacht, zugleich das, was diesen Menschen mit allem anderen atmenden Leben verbindet.
Für die Aufforderung, über die Fehltritte anderer gegen eine*n selber hinwegzusehen, sie nicht aufzurechnen und nicht deswegen Rache zu üben, ist es wichtig, dass Jesus Sirach hier von Verfehlungen zwischen Gleichrangigen spricht, von freien Männern, die das Recht und die Möglichkeit hätten, sich zu wehren. Hier ist nicht die Rede von struktureller Gewalt, und es geht nicht um das Unrecht, das diskriminierte Menschen erleiden: versklavte Menschen, Frauen, verwaiste Kinder... Das ist wichtig, um nicht mit der Aufforderung zur Vergebung wiederum Menschen zu schädigen. Mikroaggressionen und Mikrodiskriminierungen zu erfahren, ist massiver Stress und macht Menschen nicht nur noch verletztlicher, sondern rundum wund und ausgesetzt. Offene Diskriminierung, strukturelle Diskriminierung, Rechtsunsicherheit, psychische Gewalt wirken destabilisierend, sie nehmen Menschen ihr Selbstvertrauen und drücken sie nieder. Körperliche Gewalt, Misshandlungen, das Ausnutzen von Machtlosigkeit und Abhängigkeit schäden Menschen offensichtlich. Sich gegen solche Schädigung zur Wehr zu setzen, ist nötig um der eigenen Würde willen. Es ist schlimm genug, dass ein Wehren nötig ist - das Ziel sollte sein, dass es solche Gewaltverhältnisse gar nicht mehr gibt, in denen Menschen sich wehren müssen.
Es ist ein schmaler Grat zwischen Gewaltlosigkeit und Vergebung als souveräner Handlung auf der einen Seite und Wehrlosigkeit auf der anderen Seite. Wehrlosigkeit darf nicht sakralisiert werden. Vergebung kann nur ein Weg des spirituellen Wachstums sein, wenn sie frei gewählt werden kann. Gerade in christlichen Kontexten wird aber oft ein Vergebungsdruck aufgebaut, insbesondere dann, wenn das zugefügte Unrecht auch strukturelle Ursachen hat, wie es bei sexuellen und spirituellem Missbrauch und bei Geschlechterdiskriminierung der Fall ist. Dann dient die Aufforderung zur Vergebung dazu, diese strukturellen Ursachen nicht sichtbar machen und vor allem nicht ändern zu müssen. Sie ist dann in sich wiederum ein Ausdruck spiritueller Gewalt. Um vergeben zu können, müssen Menschen in einer Lage sein, in der sie souverän mit dem ihnen zugefügten Unrecht umgehen können. Das ist nicht der Fall, wenn das ihnen zugefügte Unrecht gar nicht als solches anerkannt, sondern kleingeredet, verharmlost, abgestritten, ignoriert wird. Die Aufforderung zur Vergebung ist nur legitim in einer Umgebung, in der Unrecht auch als Unrecht anerkannt wird. Vergebung soll Machtverhältnisse beenden, in denen der Groll Menschen in seiner Macht hält. Sie soll nicht Machtverhältnisse verstetigen und rechtfertigen, in denen Menschen permanent Unrecht zugefügt wird. Sie soll Menschen frei machen, nicht Unterdrückung freisprechen.