
2. Fastensonntag A // zum Evangelium und zur Prophetie
„Propheten sind wir alle, auch du und ich…“ Das Neue Geistliche Lied ist auch für Prophetinnen offen, aber auch hier verschwinden die Frauen in der männlichen Sprachform. So geht es auch der biblischen Prophetie: In der Regel gilt sie als Männersache. Von Mose über Samuel, Natan und die Schriftpropheten – Jesaja, Jeremia, Ezechiel und alle weiteren – bis zu Johannes dem Täufer im Zweiten Testament: Prophetie ist männlich. Wenn von Jesus also erzählt wird, dass er auf einem hohen Berg mit Mose und Elija zu sehen war, also den Verkörperungen von Tora und Propheten, so erscheint auch das als eine Männerangelegenheit. Die christliche Tradition verknüpft diesen hohen Berg mit dem Tabor - ein Berg, der mit der Prophetin Debora verbunden ist. Und die prophetische Tradition, die hier Jesu Sendung und Wesen beglaubigt, ist biblisch nicht auf Männer enggeführt.
Wie bei der kultischen Präsenz von Frauen und bei herrschafts- und patriarchatskritischen Tönen der Bibel auch ist die Präsenz weiblicher Prophetie wenig bekannt. Sie durchzieht zwar große Teile des Ersten Testaments, aber im christlichen Bewusstsein spielt sie kaum eine Rolle. Das hat mehrere Gründe: Erstens ist es einmal mehr die Leseordnung, die weibliche Prophetie unsichtbar macht. Sie unterbricht die Erzählung vom Durchzug durch das Rote Meer in der Osternacht unmittelbar, bevor die Prophetin Mirjam ins Spiel kommt und zusammen mit den Frauen „für das Volk antwortet“ – das ist genuin prophetisches Handeln – und mit dem Jubel über die Zerstörung der gefährlichsten Kriegstechnik der Zeit vorangeht und das Volk in die Freiheit führt (Ex 15,20f). Sie spart die Richterin und Prophetin Debora, erste Nachfolgerin des Propheten Mose, ganz aus und eliminiert die Prophetin Hulda aus der Geschichte der Buchwerdung des Ersten Testaments (2 Kön 22,14-20, herausgekürzt aus der Lesung am Mi 12. Woche, Jahr II). Damit streicht sie nicht nur eine prominente Frau aus dem Lesungstext, sondern das ganze austarierte Zusammenspiel von Königtum und Prophetie, in dem sich der König auf die Prophetie als externer Machtkontrolle verwiesen weiß. Im gekürzten Lesungstext wird das Gotteswort, das der König einholen lässt, um die Echtheit der aufgefundenen Schriftrolle mit der Weisung einschätzen zu können, letztlich nicht mehr gebraucht – weil die Überbringerin das falsche Geschlecht hat. Damit ist die Leseordnung deutlich restriktiver unterwegs als die Delegation des Königs, und sie entwirft ein Bild monarchischer Macht, die keiner externen Kontrolle mehr unterliegt.
Damit fehlt auch eine Frauengestalt, die die Wahrnehmung von Prophetie als Männersache deutlich konterkariert. Und es fehlt die ganze Leseanleitung (Klara Butting) für die Bücher der vorderen Prophetie, wie im jüdischen Kanon die Bücher heißen, die in der christlichen Variante als die „Bücher der Geschichte“ gelten: Die Bücher Josua bis 2 Könige sind gerahmt von Prophetinnen mit Debora am Anfang und Hulda am Ende, die in der Leseordnung genauso fehlen wie die dazwischen auftretenden prophetischen Frauen wie Abigail (1 Sam 25) oder die weise Frau aus En-Dor (1 Sam 28).
Eine weitere Ursache für die Unterbelichtung der weiblichen Prophetie ist das Vorverständnis, dass es bei Frauengeschichten in der Bibel um Privatgeschichten gehe, anders als bei den Männergeschichten, die die „große“ Geschichte gestalten. So wird die Frau, mit der Jesaja einen Sohn zeugt, der das Gotteswort im Namen tragen wird, gar nicht erst als Prophetin wahrgenommen, obwohl der Text sie umstandslos als solche benennt (Jes 8,1-4). Auch Abigails Geschichte mag als eine Affaire Davids missverstanden worden sein, womit ihre Dynastiezusage im Namen JHWHs (2 Sam 25,28f) in Vergessenheit gerät – deren Wiederholung durch den Propheten Natan (2 Sam 7,1-16, gelesen am Mi 3. Woche, Jahr II) hingegen nicht.
Und schließlich überlagern andere Bilder die Wahrnehmung prophetischer Frauen, so dass sie gar nicht mehr als Prophetin erkannt werden. Prominentestes Beispiel im Zweiten Testament dafür ist sicher Maria von Nazaret, die im Lukasevangelium doch so klar als Prophetin gezeichnet wird: Der Engel Gottes begegnet ihr, leitet die Begegnung mit der klassischsten aller klassischen Gottesbegegnungformeln ein, „fürchte dich nicht“, gibt ihr den Auftrag, ihr Kind mit einem sprechenden Namen für das befreiende Handeln Gottes zu benennen – Jeschua, Rettung –, und sagt ihr zu, dass die Geistkraft auf sie herabkommen werde. (Lk 1,26,35) Die Heilige Geistkraft ist in der semitischen Symbolwelt weiblich und kann als solche nicht zeugen. Auch ist, wenn die Geistkraft auf einen Menschen herabkommt, dieser Mensch an allen anderen Stellen der Bibel danach eben geistbegabt, aber nicht schwanger. Der Engel sagt auch nicht, dass Maria durch die Heilige Geistkraft schwanger werden würde, sondern dass sie von der Heiligen Geistkraft überschattet sein würde, wenn sie schwanger würde. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Hier geht es nicht um die Art der Empfängnis, sondern um prophetische Begabung. Und Maria tut, was eine Prophetin, ein Prophet tun soll, wenn sie oder er ein Gotteswort empfangen hat: Sie steht auf – hier steht das Partizip anastasa, das sich wie das Nomen anastasis von anistemi, aufstehen, ableitet und ein geläufiges Wort für die Ostererfahrung der Auferstehung werden wird –, sucht eine weitere für die Geschichte relevante Person auf und redet prophetisch. (Lk 1,39.46-55) Bzw. sie singt, wie Mirjam, Hanna, Judit. Befreiung für die Erniedrigten, Gerechtigkeit für die Rechtlosen, ein Ende unterdrückerischer Gewalt – das ist, was dann in der prophetischen Benennung des Kindes kulminiert: Dieses Kind ist Rettung. Die hochproblematische Fokussierung auf ihre biologisch verstandene Jungfräulichkeit hat diese prophetische Gestalt der Mutter Jesu weitgehend unsichtbar gemacht.
Die Bibel führt Prophetie nicht auf Männer hin eng, sondern widerspricht der Sakralisierung einer Ordnung der alten Männer. Stattdessen entwirft sie das gigantische Bild unterschiedsloser Geistbegabung, den Stoßseufzer des Mose aufgreifend, der wollte, dass Gottes Geistkraft auf dem ganzen Volk zu liegen käme (Num 11,29): „Eure Söhne und Töchter sollen prophetisch reden, eure Alten sollen Träume träumen und eure jungen Leute Visionen haben. Auch über die Sklaven und Sklavinnen werde ich in jenen Tagen meine Geistkraft ausgießen.“ (Joel 3,1-2) Prophetinnen und Prophetin sind wir alle.