16. Sonntag im Jahreskreis A // zum Evangelium
Im Sonntagsabschnitt aus dem Matthäusevangelium erzählt Jesus drei Gleichnisse, also Bildgeschichten: Vom Unkraut unter dem Weizen, vom Senfkorn und vom Sauerteig, und liefert dann eine Erklärung zur Bildgeschichte vom Unkraut unter dem Weizen. Weil das lang ist, darf man eine Kurzfassung verwenden - und darin fehlen dann Senfkorn und Sauerteig. Beim Unkraut unter dem Weizen säht ein Mann und debattieren Männer über den Umgang mit dem Unkraut - das Unkraut zu rupfen war Frauenarbeit, aber das bleibt hier unerwähnt. Beim Senfkorn säht zwar auch ein Mann, aber der Fokus liegt auf der Pflanze, die aus dem Korn wächst. Beim Sauerteig geht es ausdrücklich um eine Frau, die für Brot sorgt. Die Kurzfassung enthält nur noch den Teil der Geschichte, in der der Fokus auf den Männern liegt.
Nun aber zur Bildgeschichte vom Sauerteig (die so kurz ist, dass man sie wirklich nicht hätte ausschneiden müssen): Er erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis: »Die Welt Gottes ist mit Sauerteig zu vergleichen, den eine Frau nahm und in drei Sat Mehl verbarg, bis das ganze Mehl durchsäuert war.« (Mt 13,33)
Ein Sat ist ein Hohlmaß von 13,13 Litern, und ein Liter Mehl wiegt ein gutes halbes Kilo - die Menge ist also groß, aber nicht exorbitant, wenn man bedenkt, dass Brot ein Grundnahrungsmittel ist und oft für mehrere Familien zusammen gebacken wird. Unfassbarerweise gibt es Auslegungen, die den Sauerteig mit dem Bösen identifizieren. Das ist Frauenfeindlichkeit in Reinform, und es gibt genau null Anhaltspunkte dafür im Text. Die Arbeit von Frauen und die Bedeutung des täglichen Brotes, für das sie sorgen, wird auch geringgeschätzt, wenn das Gleichnis als Bild für etwas völlig anderes verstanden wird, also etwas, das mit dem Inhalt des Gleichnisses gar nichts zu tun hat. Die Welt Gottes hat in Jesu Wort nicht nur etwas mit dieser Frau und ihrer Arbeit zu tun, sondern sogar sehr viel. Die parallel gesetzte Arbeit vom Säen und Brotbacken ist gleich viel Wert - es gibt hier keinen gender esteem gap, keine Wertschätzungs-Lücke. Sauerteig zu führen ist eine alte Kulturtechnik, und sie braucht Kenntnis und Aufmerksamkeit, und Brotteig zu kneten ist auch harte körperliche Arbeit.
Die Menschen zur Zeit Jesu und die Menschen zur Zeit, als das Matthäusevangelium geschrieben wurde, kennen den Hunger nur zu gut. Die Bitte um das tägliche Brot trifft auf realen Hunger. Der Hunger, legt Luise Schottroff dar, verdrängt sogar den Schabbat (Mt 12,1-8). Die Bildgeschichten Jesu stellen Getreide, Senf und Brot in die Mitte: Die Welt Gottes hat mit realem Sattwerden zu tun, mit reicher Ernte und duftendem Brot, mit Dank und Gemeinschaft. Sattwerden ist ganz real der Himmel auf Erden, und am besten wissen das Menschen, die hungern. Und hier geht es um ein Sattwerden für immer, um Gemeinschaft, die nicht endet, um Dank, der ungebrochenem Jubel wird.
Für Sauerteig-Brot braucht es Zeit. Ungesäuert ist das Brot des hastigen Aufbruchs, der Flucht, der unsicheren Bleibe. Sauerteig heißt: Hier können wir erst einmal bleiben. Und: Nach dem, was die Frau tun kann mit ihrer Arbeit, kommt die Zeit, wo das Leben selbst wirkt, wenn der Teig durchsäuert und aufgeht.
Besonders ist noch das Verb, mit dem die Teigherstellung beschrieben wird, das "Verbergen". Es hätte andere sprachliche Möglichkeiten gegeben, vom "Untermischen" zu sprechen, aber hier steht wörtlich "hineinverbergen". Die Grundbedeutung ist eben "etwas in etwas hinein verbergen", aber das Wort hat eine weitere Bedeutungsebene hinzugewonnen, nämlich das "einarbeiten", "einkneten". Das ist auch deswegen einsichtig, weil der Sauerteig vollständlich im Teig aufgeht. Hier ist letztlich beides gemeint: Ganz praktisch verschwindet der Sauerteig im Teig, bzw. geht er darin auf. Und auf einer übertragenen Ebene geschieht das Wesentliche im Verborgenen. Die Welt Gottes wächst, das Leben schafft sich Raum, es wird alles durchdringen, aber man sieht das nicht. Es wächst unsichtbar, und man weiß nicht, dass es da ist, bis es eben offenbar wird: Wie der Sauerteig, wenn er anfängt, nach frisch-säuerlich zu riechen, und wenn das durftende Brot aus dem Ofen geholt wird. Am Resultat des aufgegangenen Teigs und nachher des aufgegangenen Brotes erst sieht man, dass der Sauerteig darin verborgen war.
Ich finde es berührend, wie Jesus erzählt: von dem, was alle kennen, aber allzu oft entbehren. Von Arbeit, die Frauen tun. Von etwas so Vertrauten, wo alle, die es hören, Geruch und Geschmack kennen: Die Welt Gottes hat mit unserer zu tun.