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14. Sonntag im Jahreskreis A // zum Evangelium

Es war zu dieser Zeit, dass Jesus Gott antwortete und bekannte: »Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde! Ich singe davon, dass du das vor den Weisen und Gebildeten verborgen und es für die einfachen Menschen aufgedeckt hast. Ja, mein Gott, denn so hast du es gewollt. Du hast mir alles mitgeteilt. Niemand kennt mich als dein Kind so wie du, väterlich und mütterlich. Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind, und wie alle Geschwister, die ich darüber aufkläre. So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen. Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir: Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.« 

(Matthäusevangelium, Kapitel 11, Verse 25-30)

Ich möchte einige Fragen an den Text stellen:
Was war "zu dieser Zeit", als Jesus sagte, "ich singe dir, Gott"? 
Wie ist das mit dem Vater und dem Sohn, ist in diesen Versen Platz für Mädchen und Frauen? 
Und schließlich: Was ist das für ein Joch, was sagt Jesus über die Belastung, die Menschen niederdrückt und ins Straucheln bringt?

Zum Ersten: Was war also "zu dieser Zeit"? Vorangegangen sind Auseinandersetzungen. Jesus spricht davon, dass die Gewalttätigen das Himmelreich an sich reißen. Nichtmal die Verheißung Gottes ist vor denen sicher, die die Zukunft mit Gewalt bauen wollen. Johannes ist eingekerkert worden. Er hatte Worte gefunden für eine hoffnungslose Zeit, er hatte mit der Taufe ein Zeichen angeboten, seine Worte mit Erfahrung zu füllen. Es war ein machtvolles Zeichen dafür, dass ein Neuanfang möglich ist. Reinheit, darauf weist Luzia Sutter-Rehmann hin, ist ein mächtiges Konzept für den Widerstand gegen die Militärdiktatur Roms. Im Markusevangelium, das noch während des jüdischen Kriegs verfasst wurde, ist das klarer konturiert als im Matthäusevangelium. Aber man kann es auch hier als Hintergrundrauschen hören: Unreinheit heißt, der Grenzen von Tod und Leben zu nahe gekommen zu sein. Das Ritual zum Reinwerden führt zurück auf die sichere Seite des Lebens. Wo überall rundum tödliche Gewalt und nicht zuletzt tödliche Armut herrscht, ist eine Taufe, die rein macht und zugleich als Zeichen für Buße und Neuanfang verstanden wird, ein Zeichen für die Kraft Gottes, die auch unter lebensfeindlichen Umständen nicht dauerhaft zu unterdrücken ist. Jetzt aber schleichen sich Unsicherheiten ein: Wen haben wir da eigentlich gesehen? Tragen seine Worte? Wirkt sein Zeichen noch, jetzt, wo die Besatzungsmacht wieder einmal mit Gewalt durchgegriffen hat? Das ist keine neutrale Szene, sondern hier sind Menschen versammelt, die gehofft hatten und nun umso ratloser sind. Zugleich schreibt Matthäus vor dem Hintergrund, dass den ersten Hörer*innen seines Evangeliums schon viele Jesusgläubige gehören, die nicht jüdisch sind. Das macht verständlich, warum er Jesus sagen lässt, dass ausländische Städte ihm weit mehr Glauben schenken würden als galiläische Städte. Ausprobiert hat er das noch nicht - erst im Kapitel 15 begibt er sich in die phönizischen Städte Tyros und Sidon und dann ans Ostufer des Sees Genesareth.

Und hier, mitten in Konflikten, in denen Menschen nicht mehr wissen, wem sie noch glauben und was sie noch hoffen können, da fängt Jesus an, Gott öffentlich zu loben. Es ist kein privates Gebet, das jemand belauscht hat, sondern ein öffentliches Bekenntnis.

Zum Zweiten also: Was ist das für ein öffentliches Bekenntnis, was hat es mit Vater und Sohn auf sich? Wenn man zugrunde legt, dass Jesus nicht griechisch, sondern aramäisch sprach, dann kann man davon ausgehen, dass hier im Aramäischen das Wort "Abba" gebraucht wurde. Vielfach wird das mit "Papa" übersetzt, aber so eindeutlich kindlich ist es eigentlich nicht. "Abba" ist im 1. Jahrhundert nicht das gleiche wie heute im Neuhebräischen, wo es tatsächlich "Papa" heißt. Es geht über die familiäre Bedeutung hinaus, die auch bei der griechischen Übersetzung "pater" dominiert. Erwachsene nennen ihren Vater so, aber auch Lernende ihren Lehrer. Herkunft, Beziehung, Vertrauen und Autorität in einem Wort - das ist schwer im Deutschen wiederzugeben. 

Ich selbst habe eine solche Sprachverwendung, die auch als Anrede taugt, einmal in meinem Leben erlebt: Als ich in Jerusalem studiert habe, haben wir in der Gruppe der Studierenden die Anrede "Abuna/unser Vater" für unseren Studiendekan übernommen, denn so nannten Christ*innen um uns herum jeweils eine (religiöse) Autoritätsperson. Und es war genauso so ein vielseitiges Verhältnis: Lehrer, aber auch jemand, der sich um das Wohlergehen aller sorgte, eine Vertrauensperson und derjenige, der die Verantwortung für den Studienbetrieb trug. In dieser Gruppe ist er bis heute "Abuna", der Name hat sich verselbständigt und ist auch 25 Jahre später noch in Geltung. Etwas ähnliches bilden vielleicht Begriffe wie "Meister*in" oder "Doktorvater*mutter" ab - aber sie taugen weniger zur direkten Anrede.

Deutlich wird: Es geht um mehr als um das, was wir im Deutschen mit "Vater" verbinden. Es ist ein Wort, das eine vertrauensvolle Beziehung zu einer geachteten Instanz beschreibt, und zugleich ein Bildwort. Was es nicht besagt: dass Gott männlich sei. Dieses Verständnis entsteht erst, wenn man das Bild nicht mehr als Bild versteht, sondern das Vaterbild mit Gott gleichsetzt. Das ist dann aber genau das, wovor das biblische Bilderverbot warnt: Ein Bild, das man mit Gott selbst verwechselt, wird zum Götzen. Dann ist nämlich das Bild nicht eine Hilfe, um mit Gott in Beziehung zu treten, sondern es IST dann Gott - denn Gott IST dann (nur) der Vater, darf gar nichts anderes mehr sein. Das ist aber zu klein gedacht. Oder, um mit einem Bekenntnis des 4. Lateralkonzils (1213-1215) zu sprechen: Jedes Bild von Gott ist Gott unähnlicher als ähnlich. Und das gilt auch für das Vaterbild: Es ist Gott ähnlich, aber zum größeren Teil ist Gott noch ganz anders als Vater und mit dem Vaterbild überhaupt nicht erfasst.

Es geht um ein vertrauensvolles Verhältnis, denn Gott ist jemand, der*dem man vertrauen kann. Dieses Vertrauen kann ganz einfach sein, es braucht kein herrschendes Wissen, sondern eine Beziehung. Und Gott wendet sich denen zu, die keine Stimme haben: vor Gericht nicht, gesellschaftlich nicht. Die zu jung, zu alt, zu weiblich, zu arm, versklavt sind. Diese sind es, die Gottes Zuwendung nun erfahren.

Und schließlich drittens: Was ist das für ein Joch? Ein Joch ist eine Holzkonstruktion, die im Nacken getragen wird, um Lasten gleichmäßig zu verteilen - bei Ochsen, wenn sie einen Pflug ziehen, bei Menschen, die Wasser tragen. Ein Joch tragen vor allem arme und unfreie Menschen, die harte Arbeit verrichten, Wasser schleppen etwa. In vielen Gebieten der Erde ist das heute noch die Arbeit von Mädchen und Frauen. Reiche freie Männer tragen kein Joch. Es sind die, die unter Lasten straucheln, denen Jesus hier eine Perspektive bietet: Wer lebt wie er, wer in eine Beziehung zu Gott eintritt wie er, wird nicht ohne Last sein, aber sie wird gleichmäßig verteilt - Gott trägt mit. Jesus bürdet nicht noch mehr auf. Jeder Versuch, im Namen Jesu Menschen niederzudrücken, ihnen Angst zu machen, sie zu beschämen, ihre Körper für sündig zu erklären, ihnen Verantwortung aufzubürden für den Machtmissbrauch anderer - alles das ist das Gegenteil von dem, was Jesus hier will. Und dieses Niederdrücken betraf und betrifft zu einem großen Teil Frauen - ihre Körper gelten als verführerisch, zugleich als minderwertig sie werden bewertet, beschämt, normiert, enteignet, ausgebeutet, misshandelt - mittlerweile auch digital. Frauen tragen zudem weltweit den größten Anteil an Sorgearbeit und sind deswegen weltweit überdurchschnittlich oft von Armut betroffen. Jesus richtet Menschen auf. Mit einem leichten Joch ist ein Aufrichten möglich. Sanft soll es sein - so sanft wie eine Hand, die sich auf die Hand legt, die nie endende Arbeit verrichtet, und sagt, ist es genug. Du darfst aufatmen.

Hier ist aber noch mehr drin: Der Satz "und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen" ist ein Zitat aus der hebräischen Bibel bzw. aus deren erster griechischer Übersetzung, der Septuaginta. Genau genommen werden sogar zwei Stellen zitiert: Jesus Sirach 51,23-27: "Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, / und übernachtet im Haus der Bildung! Warum sagt ihr, dass es euch daran mangelt, / und warum dürsten eure Seelen so sehr? Ich habe meinen Mund geöffnet und gesprochen: / Erwerbt für euch selbst ohne Silber! Beugt euren Nacken unter das Joch, / eure Seele soll Bildung annehmen! / Sie ist nahe, sodass man sie findet." und Jeremia 6,16: "Stellt euch an die Wege und haltet Ausschau, / fragt nach den Pfaden der Vorzeit, fragt, wo der Weg zum Guten liegt; / geht auf ihm, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele". In Jesus Sirach spricht zum Abschluss der, der die Weisheit gefunden hat und von ihr weitergeben will. Hier steht die Gestalt der Frau Weisheit im Hintergrund, in der zwischentestamentarischen Zeit eine geläufige Art, vom weltzugewandten Gesicht Gottes zu sprechen. Das Joch, von dem hier gesprochen wird, ist die Tora, die gute Weisung Gottes. Bei Jeremia geht es um den Weg zum Guten, den Weg Gottes - also den Weg der guten Weisung, der zu Gerechtigkeit und Frieden führt. In dem Jesus-Wort wird beides verbunden, ist beides präsent: Jesu Toraauslegung weist den guten Weg Gottes, und Jesus ist der, der die Weisheit zu den Menschen bringt. Es ist nicht eine zusätzliche Last, sondern ein Aufatmen, denn der Horizont der guten Weisung ist Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden.

Hier zeigt sich noch einmal, dass die Evangelien erst richtig zum Klingen kommen, wenn die Grundakkorde der hebräischen Bibel hörbar werden. Es ist nicht irgendein Joch, irgendetwas zusätzliches, sondern die Weisung Gottes, von der Jesus spricht, und diese soll nicht verzerrt, zum Herrschen missbraucht, mit Gewalt aufgedrückt werden. Gewalttäter reißen das Himmelreich an sich. Aber das ist nicht im Sinne Gottes. Wer andere niederdrückt, kann sich nicht auf Gott berufen.

Wer mithilfe solcher Bibelverse ein patriarchales Gottesbild einschärfen will, in dem das Männliche Gott ist und in dem das Weibliche immer das Weniger-Gottfähige ist, verkehrt ihren Sinn ins Gegenteil. Einmal mehr gilt hier der Satz von Elisabeth Johnson: "Das Problem ist nicht, dass Jesus ein Mann war. Das Problem ist, dass nicht mehr Männer wie Jesus sind."