
13. Sonntag im Jahreskreis A // zur ersten Lesung
Achtung, der folgende Text enthält Hinweise auf sexuelle Gewalt.
Eines Tages kam Elischa nach Schunem. Dort lebte eine angesehene und reiche Frau. Sie lud Elischa ein, bei ihr zu essen. Seitdem war es so: Immer, wenn er vorbeikam, kehrte er dort ein, um zu essen. Deshalb sprach sie zu ihrem Mann: »Sieh doch, ich weiß genau, dass der, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. Lass uns doch für ihn ein kleines, gemauertes Zimmer im oberen Stockwerk machen und ihm dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter hineinstellen. Immer, wenn er in Zukunft kommen wird, kann er dort einkehren.«
Als er nun eines Tages wieder dorthin kam, kehrte er in diesem Zimmer ein, legte sich dort hin [und sprach zu Gehasi, seinem Begleiter: »Ruf diese Schunemitin!« Er rief sie, und sie trat vor ihn. Da sagte er zu ihm: »Sag doch zu ihr: Du hast dich für uns in all diese Mühen gestürzt! Was können wir für dich tun? Sollen wir für dich mit jemandem reden – mit dem König oder einem Heereskommandeur?« Sie sagte daraufhin: »Ich wohne mitten unter meinem °Volk.« Da sagte Elischa: »Was also können wir für sie tun?«] Gehasi sprach daraufhin: »Nun: Sie hat kein Kind, und ihr Mann ist schon alt.« Daraufhin sagte er: »Ruf sie!« Er rief sie, und sie trat an den Eingang. Elischa sprach: »Nach der üblichen Frist in der Leben spendenden Zeit wirst du ein Kind im Arm halten!«
[Sie aber sprach: »Sehr verehrter Herr, nein! Gottesmann, lüge mich, deine Anhängerin, nicht an!« Doch die Frau wurde schwanger und gebar einen Sohn nach der üblichen Frist in der Leben spendenden Zeit, wie Elischa zu ihr geredet hatte.]
(2. Buch der Könige, Kapitel 4, Verse 8-17)
Die Sonntagslesung aus dem zweiten Buch der Könige wurde offenbar ausgesucht, weil das Evangelium des gleichen Tages erzählt, dass Jesus sagt: "Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten." (Mt 10,40-41) Aber dabei wird an der Lesung gekürzt, sonst wäre dieses Verständnis, dass die Frau von Schunem den Lohn eines Propheten erhalten habe, nicht so naheliegend.
Die Frau von Schunem ist die Doppelgängerin der Witwe von Sarepta: Denn die ersttestamentlichen Erzählungen um den Propheten Elija haben ein Pendant in den Erzählungen um seinen Schüler Elischa. Elija erweist die Macht Gottes an der hilflosen Witwe. Bei Elischa liegen die Dinge etwas anders, denn die Frau ist nicht hilflos, sondern eine mächtige Person in ihrer Gesellschaft. Ein eigenes Gästezimmer für einen gelegentlich durchreisenden Gast einzurichten, zeugt von Wohlstand. Elischa, für den dieses Zimmer reserviert bleibt, will sich revanchieren. Auf seine Frage, womit er sich erkenntlich zeigen könnte, antwortet die Frau aber unmissverständlich: Sie braucht nichts. Sie hat einen gesicherten Stand in ihrer Gemeinschaft. Sie ist jemand, die gibt, und sie braucht keine Gegengabe. Über einen Umweg über seinen Begleiter kommt Elischa dann aber darauf, dass sie keinen Sohn hat, und kündigt ihr einen solchen an.
Die Frau aber hatte gar nicht um einen Sohn gebeten, und sie ist auch nicht glücklich über diese Ankündigung. Das ist in der Bibel ungewöhnlich - der Umstand, dass sie keinen Sohn hat, scheint sie nicht in eine bedrohliche Situation gebracht zu haben, im Gegenteil, sie ist wohlhabend und braucht keinen Sohn. Andere Frauen des Ersten Testaments bitten inständig um ein Kind - diese nicht. Und als Elischa ihr diesen Sohn dennoch zusagt, antwortet sie mit "nein". Silvia Schroer hat darauf hingewiesen, dass es nicht abwegig ist, hier das Nein einer Frau zu einem unerwünschten sexuellen Kontakt zu hören.
Die Leseordnung mindert die Rolle dieser Frau entscheidend: Im Lesungszuschnitt hat sie keine Stimme mehr, denn alle ihre wörtliche Rede wird gestrichen. Ihr Hinweis darauf, dass sie nichts von Elischa braucht, wird weggelassen. Und dass sie so gar nicht begeistert auf die Sohnes-Ankündigung reagiert, wird nicht mehr vorgetragen. Für die Leseordnung reicht es, dass Elischa ihr einen Sohn verspricht. Dass eine Frau darauf anders als dankbar reagieren könnte, ist offenbar nicht vorgesehen - und indem das weggestrichen wird, wird suggeriert, dass sie eine frohe Empfängerin dieser Botschaft sei. Da ist eine Frau, die ist großzügig, aber hat kein Kind - also bekommt sie eines angekündigt. Ihre Stimme zu hören, ist entbehrlich. Und das Ende kann wegfallen, denn frau freut sich doch über jede Schwangerschaft. Dieses Bild wird durch den Zuschnitt erst erzeugt und dann dadurch, dass es unhinterfragt als Leitbild im Hintergrund steht, reproduziert.
Der zweite Teil der Geschichte dieser Frau im Elischa-Erzählzyklus ist ebenfalls eine Parallele zu den Erzählungen um die Witwe von Sarepta. Deren Sohn hatte Elija aus dem Tod zurück ins Leben geholt. Und so ist es nun auch bei Elischa und der Frau von Schunem, wenn die Geschichte weitergeht: Sie hatte tatsächlich einen Sohn bekommen, und dieser stirbt im Kindesalter an einem Hitzschlag. Der Vater bleibt merkwürdig passiv, die Mutter legt das Kind auf das Bett in Elischas Zimmer und unternimmt einen Gewaltritt zu Elischa, um ihn zu holen. Elischa will eigentlich nur seinen Begleiter schicken, aber sie insitiert, und so kommt er mit. Die Geschichte, wie Elischa das Kind wieder ins Leben bringt, ist verstörend. Denn er schließt sich mit dem Kind ein und legt sich so auf seinen Körper, dass sie Mund an Mund und Elischa lang ausgestreckt auf ihm liegt. Danach tigert Elischa im Haus umher, geht nochmals zum Kind, legt sich wieder auf seinen Körper, und da erwacht es. Die Bilder, die diese Erzählung entwirft, erinnern nur allzu sehr an Szenen sexueller Gewalt. Zwischen Elischa und der Frau gibt es wenig Kommunikation - sie macht ihn zuständig, er kommt mit ihr mit, als das Kind wieder lebt, nimmt sie es auf und dreht Elischa den Rücken zu.
Elischas Vaterschaft ist nicht nur von diesem Fortgang der Geschichte her sehr viel naheliegender, als dass der Ehemann der Frau der Vater des Kindes war. Da der Mann der Frau nicht bei dem Gespräch dabei ist, bräuchte sie in dem Moment gar nicht "Nein" zu sagen, denn es ist ja ganz offen, ob dieser Mann zeugungsfähig ist und ob sie überhaupt in sexueller Gemeinschaft leben. Dieses "Nein", mit dem die Frau Elischa beschwört, an seine religiös-soziale Rolle zu denken, ist viel naheliegender nur nötig, wenn sie sich gegen eine Vergewaltigung wehren will - vergeblich, wie aus dem Fortgang der Geschichte deutlich wird.
Gelesen mit der Frage nach dem, was an Dynamiken hinter dem Text steckt, welches Bild die Fortsetzung dieser Geschichte zeichnet, was es heißt, wenn eine Frau "Nein" sagt, entpuppt sich dieser Text als so doppelbödig, dass er schwerlich zur Bebilderung des Jesus-Wortes vom Aufnehmen des Propheten taugt.