
12. Sonntag im Jahreskreis A // zur zweittestamentlichen Lesung
Darum gilt: Durch einen Menschen gelangte die Sündenmacht in die Welt und durch die Sündenmacht kam der Tod. So beherrschte der Tod alle Menschen. Deswegen dienten alle der Sündenmacht. Bis zur Gabe der Tora herrschte die Sündenmacht über die Welt. Sünde aber wurde nicht angerechnet, solange es die Tora nicht gab. Jedoch regierte der Tod von Adam bis Mose auch über die, die nicht wie Adam die Gebote übertreten hatten und der Sündenmacht dienten. Er ist der Typus des Kommenden. Mit der Übertretung verhält es sich anders als mit der in Zuwendung gewährten Gabe: Die Vielen wurden in Folge der Übertretung des Einen der Todesherrschaft ausgeliefert. Umso gewisser fließen die göttliche Zuwendung und das Geschenk, das in der Zuwendung des einen Menschen Jesus, des Messias, besteht, in überreichem Maße den Vielen zu.
(Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom, Kapitel 5, Verse 12-15)
Dieser Abschnitt stammt aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom, in dem Paulus das Verhältnis von jüdischen und nichtjüdischen Menschen vor dem Hintergrund des Glaubens an Jesus als den Messias Gottes immer wieder durchdekliniert - wie verhält sich die Weisung Gottes zur offenbargewordenen Gnade für alle Menschen? Das war für Paulus eine wichtige Frage. Er ging aus vom damals schon klassischen jüdischen Morgengebet "Ich danke dir, dass ich nicht als Heide, nicht als Sklave, nicht als Frau geschaffen bin", und kam von dorther auch zur berühmten Aussage "da ist nicht mehr jüdisch noch heidnisch, nicht mehr versklavt noch frei, nicht mehr männlich und weiblich" (Gal 3,28). Der Hintergrund des Morgengebets ist, dass der Tag beginnt mit dem Dank dafür, die Tora zu halten. Und das Gebet stellt klar, dass es eine Gnade ist, die Tora halten zu dürfen. Männer haben mehr Gebote zu halten als Frauen, freie Menschen mehr als versklavte Menschen, und jüdische Menschen sowieso mehr als heidnische Menschen. Darum der Dank - er ist eine Erinnerung daran, das Mehr an Geboten nicht als Last zu sehen, sondern für die Gottverbundenheit zu danken, die aus dem Halten der Gebote erwächst. Heute lassen jüdische Frauen den letzten Teil weg; es gibt aber auch Strömungen im Judentum, die positiv formulieren: "Ich danke dir, dass du mich jüdisch, frei, nach deinem Bild erschaffen hast."
Paulus setzt sich nur mit dem Verhältnis von jüdisch zu heidnisch intensiv auseinander. Die Aufhebung des Gegensatzes von männlich und weiblich, versklavt und frei hat er vorausgesetzt, aber nicht argumentativ entfaltet. Auch darum konnte sich im Christentum später die Akzeptanz der Unterordnung von Frauen wie auch die Akzeptanz der Sklaverei weithin durchsetzen - es ist kein neues Phänomen, dass Freiheitsrechte im Patriarchat immer wieder neu verteidigt werden müssen. Bei der Sklaverei hat die katholische Lehre eine Wende geschafft - bei der Frauendiskriminierung steht diese Wende noch aus.
Der heutige Abschnitt nun enthält den Vers, dessen Übersetzung eine der folgenreichsten theologischen Entwicklung in Gang setzte: "Durch einen Menschen kam die Sündenmacht in die Welt, und durch die Sündenmacht kam der Tod. So beherrschte der Tod alle Menschen, weil alle der Sündenmacht dienten." (Röm 5,12). Der Knackpunkt ist dabei das Ende des Verses, der letzte Teilsatz: "weil alle der Sündenmacht dienten" bzw. in vertrauterem Klang: "weil alle sündigten".
Auf griechisch steht hier "eph' hō pantes hēmarton". "Eph' ho" ist eine zusammengesetzte Wendung, die im Griechischen zur Zeit des Zweiten Testaments eine Ursache angeben kann: "Auf Grund wovon/infolgedessen, dass/weil". Paulus beschreibt also eine Erfahrung: Alle haben gesündigt. Es gibt Menschenleben nicht ohne Schuld, aber erkennbar wird das erst, wenn eine Menschengruppe Regeln des Zusammenlebens entwickelt hat, die Rechtsgüter kennt, die über das Wohlergehen der und des Einzelnen hinausgehen. Wichtig ist, dass "weil alle sündigten" einfach eine Beobachtung ist, eine Erkenntnis aus Erfahrung.
Die Wendung "eph' ho" ist aber eben eine Zusammensetzung, die dann eine Ursache beschreibt. Man kann sie aber auch relativisch übersetzen, dann kommt auf Deutsche "auf welchem" oder "in welchem" heraus. In zeitlicher Nähe zum Zweiten Testament ist die feste zusammengehörende Wendung, die mit "weil" zu übersetzen ist, gängig. Nur besteht diese feste zusammengehörende Wendung eben aus zwei Wörtern, die man auch separat übersetzen kann, dann wird daraus eben "auf/in welchem".
Die erste lateinische Übersetzung der Bibel, die Vetus Latina, und auch die spätere, am weitesten verbreitete lateinische Übersetzung, die Vulgata, haben genau das getan, nur halt auf Latein. Sie lesen an dieser Stelle beide: "in quo omnes peccaverunt", auf deutsch: "In dem alle gesündigt haben". Sie haben "Eph' ho" also nicht als zusammenhängende Wendung verstanden und mit "Weil" übersetzt, sondern den Ausdruck in seine Einzelteile zerlegt und einzeln übersetzt: "Epi" (die Verkürzung zu "eph" hat Aussprachegründe) wurde zu "in", was auf lateinisch wie auf deutsch eben "in" heißt, und "ho"" wurde zu "quo", "welchem", eine rückbezügliches Pronomen. Die zerlegte Konstruktion heißt dann "in dem alle gesündigt haben". Dann ist natürlich die Frage, in wem denn alle gesündigt haben - "im Tod" ergibt wenig Sinn, bleibt also "in einem Menschen". Diese Übertragung ist wenig überzeugend, weil als Nomen, auf das sich das "ho"/"welchem" beziehen könnte, satzbautechnisch eigentlich nur "der Tod" in Betracht kommt, was eben inhaltlich hinkt.
Die "Bibel in gerechter Sprache" schlägt noch die interessante Übersetzung mit "Deswegen" vor, womit sie die Gewichte verschiebt: In der heute klassischen deutschen Übersetzung "Der Tod beherrschte die Menschen, weil alle sündigten" sind die Menschen die Verursacher*innen. Die Alternative "Der Tod beherrschte die Menschen, deswegen sündigten alle" bietet einen inhaltlichen Mehrwert insofern, als hier der Tod und mit ihm die Sündenmacht die verursachenden Kräfte für die Sünde sind.
Weit weg von so einem erfahrungsbasierten Verständnis, aber umso wirkmächtiger war, was Augustinus von Hippo im 5. Jahrhundert aus diesem Vers las. Denn Augustinus konnte nur wenig Griechisch - sein Griechischlehrer hatte ihn so verprügelt, dass er es nicht lernen konnte. Gewalt verhindert Lernen, auch das ist kein neues Phänomen. Augustinus las also die Vetus Latina: "in quo omnes peccaverunt": In einem Menschen haben alle gesündigt. Er legte das so aus, dass in der Sünde des ersten Menschen (bei ihm wie bei Paulus gleichgesetzt mit dem Mann, aber das ist eine andere Frage) alle Menschen mitgesündigt haben. Alle Menschen sind gleichsam im ersten Menschen schon vorhanden, weil sie von diesem abstammen. Aus diesem Verständnis wurde die Idee, dass es eine Erbsünde gäbe: Menschen kämen schon schuldig zur Welt. Daher die frühe Taufe, weil damit auch die Sündenvergebung verbunden ist - vom Beginn der Taufe an häuft man nur noch eigene Sünden an, trägt aber nicht mehr an der geerbten Schuld. Daher die Annahme, dass außerhalb der Taufe alle Menschen verloren seien. Und daher auch die katholische Folgerung, Maria müsse von dieser Erbsünde ausgenommen worden sein, weil sie sonst den Messias nicht hätte gebären können: Maria immaculata. Die Mischung zwischen der mythischen Sprache der Genesis-Erzählung, der typologischen Tora-Auslegung durch Paulus und das logisch-spekulative Verständnis von Augustinus hat hier zu einem Komplex geführt, der unglaublich wirkmächtig geworden ist und auch unglaublich viel Schaden angerichtet hat. Theologisch ist sie abgelöst worden, auf evangelischer wie auf katholischer Seite, von der Einsicht in die schuldhaften Verstrickungen in der menschlichen Geschichte, in die Menschen hineingeboren werden. Liturgisch lebt sie fort, nicht nur im "Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria", eben der Maria immaculata, einem katholischen Hochfest.
Übersetzungen können ungeahnt mächtig sein, und Stille-Post-Effekte sind nie auszuschließen. Umso wichtiger ist es, mit der Macht der Übersetzung transparent umzugehen.