
10. Sonntag im Jahreskreis A // zur ersten Lesung und zum Evangelium
Kann ich dich mal was fragen?, frag ich Gott.
Du bist ja schon dabei, sagt Gott. Aber bitte, gerne.
Wir sitzen im Zug nach Kiel, der gerade durch einen beeindruckenden Platzregen fährt.
Das mit dem „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, sag ich.
Ja?, sagt Gott.
Das klingt leichter, als es ist, sag ich.
Das mag sein, sagt Gott. Das ist aber noch keine Frage, genau genommen.
Hat das jemals geklappt?, frag ich.
Gott zuckt die Schultern.
Tatsächlich keine Punkte bei dir sammeln, sag ich. Sich nicht unterscheiden von anderen.
Ja, sagt Gott. Aber du musst ja bedenken -
Muss ich gar nicht, sag ich.
Gott lacht laut. Die Leute vor uns drehen sich kurz zu uns um.
Ja, mein Herzchen, sagt Gott. Also du könntest bedenken, dass diese Religionsprofis, denen das so schwerfällt, ja nicht die Mehrheit sind.
Ach, sag ich.
Einfach nur ein okayes Leben zu führen ist für viele völlig im Rahmen, sagt Gott.
Und dir dabei auf die Spur kommen, sag ich.
Möglicherweise, sagt Gott.
Aber es ist schon schön, auch von dir zu erzählen, sag ich. Und dann gibt es ja auch gar nicht so wenige Leute, die führen eben kein okayes Leben, sondern verbreiten Gewalt.
Eben, sagt Gott.
Meinst du, denen sollen wir Gerechtigkeit entgegenstellen?, sag ich.
Sowas von, sagt Gott.
Besser als dich ihnen in die Finger zu geben, sag ich.
Das mag sein, sagt Gott.
Man könnte mir dir drohen, sag ich.
Hm, sagt Gott.
Aber das Ding wäre, dass wir dann irgendwann vielleicht keine Gerechtigkeit mehr einfordern würden, sondern Gefolgschaft, sag ich.
Gott schaut den Wasserschlieren zu, die die Fenster entlanglaufen.
Und jetzt mal aus der Perspektive von einer, die auch irgendwie zu den Religionsprofis gehört, sag ich. Ich find das schon Level 2, wenn man so gar keinen Vorsprung bei dir hat.
Beziehungsweise, ich glaube, ich fand das früher Level 2, setze ich nach einer kleinen Pause hinzu.
Manchmal kommt man ja ne Runde weiter, einfach nur durchs Älterwerden, sagt Gott. Und dann ist es auf einmal nicht mehr so schwierig.
Vielleicht, sag ich.
In wenigen Minuten erreichen wir unseren Ziel- und Endbahnhof Kiel, sagt die Schaffnerin über den Lautsprecher. Wir bitten alle Fahrgäste, auszusteigen, und verabschieden uns von Ihnen.
Waren die Leute damals nicht schwer irritiert, als du mit den Verrätern schlechthin gegessen hast?, frag ich.
Doch, sagt Gott. Total.
Weil das die waren, die eben mit den Ausbeutern kollaboriert haben, oder, sag ich.
Ja, sagt Gott.
Aber du hast eben nicht gedroht, sag ich. Sondern dich einladen lassen.
Ja, sagt Gott. War gut.
Der Zug wird langsamer. Wir stehen auf und gehen die Stufen hinunter zur Tür.
Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung links, sagt die Schaffnerin.
Das sind eigentlich zwei Sachen, sag ich. Das eine ist, uns nicht zu unterscheiden, dich nicht vor uns herzutragen, uns nicht als was besseres zu fühlen.
Keine Punkte sammeln, sagt Gott. Ich zähl eh nicht mit, ist nicht so mein Ding.
Und das andere, wie Gerechtigkeit geht, sag ich. Und ob es nicht gut ist, auf dich zu verweisen, wenn Leute hart unfair zu anderen sind, weil du Gerechtigkeit willst. Aber ich glaub, dir ist das Ergebnis wichtiger als in der Argumentation vorzukommen, kann das sein?
Gott lächelt.
Ein gutes Leben für alle, sag ich.
Das ist doch mal ne Perspektive, sagt Gott.
Nicht nur für Religionsprofis, sag ich.
Als wir aussteigen, scheint die Sonne.
Ein Glück, dass wir durch den Regen hindurchgefahren sind, sagt Gott.
Da hast du recht, sag ich. War schön, mit dir zu fahren.
Umgekehrt auch, sagt Gott. Dann hab es mal gut, und viel Freude in Kiel.
Danke, sag ich. Dir auch, wo auch immer. Hab es gut.
Du auch, sagt Gott. Bis bald mal wieder, und Amen.