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1. Fastensonntag A // zur ersten Lesung

Vorannahmen prägen unsere Wahrnehmung. Das Denkmögliche bildet den Horizont unseres Verstehens. Was außerhalb dieses Horizonts liegt, können wir nicht einordnen – das ist letztlich die Grundlage für Traumata, weil das Erlebnisse sind, die außerhalb dessen liegen, was Menschen verarbeiten können.

Der Verstehenshorizont aber ist nicht neutral, er ist geprägt durch die Traditionen, in denen Menschen lernen, sich in der Welt zurecht zu finden. Natürlich lässt er sich erweitern, aber dafür muss man erstmal bereit für die Annahme sein, dass das, was wir sehen und verstehen können, nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit ist. Darum wandeln sich Kulturen meistens nur langsam, über mehrere Generationen hinweg.

Und das fängt buchstäblich schon bei Adam und Eva an. Mitunter sorgt dabei eine Vermischung für massive Verstehensschwierigkeiten: des Schöpfungsmythos in Gen 2, wo Gott zuerst einen Erdling formt und von diesem dann in einem zweiten Schritt noch die Seite wegnimmt und aus dem Material einen zweiten Menschen baut, wird oft vermischt mit dem Schöpfungsgesang in Gen 1, in dem es heißt, Gott habe den Menschen als Gottes Ebenbild erschaffen, männlich und weiblich. Die Folgerung, von Gott müsse männlich gesprochen werden, weil er als erstes, gottähnliches Menschenwesen den Mann erschaffen habe, ist deutlich weiter verbreitet, als wünschenswert wäre.

Die Schöpfungstexte der Bibel sind deutlich differenzierter angelegt: Die in Gen 1 nach Gottes Ebenbild erschaffenen Menschen stehen für alles Menschliche, von männlich bis weiblich - so wie „Land“ und „Wasser“ auch den Sumpf, das Moor, den Strand und das Wadi umfasst, das nur im Winter Wasser führt. Und das von Gott in Gen 2 aus Lehm gebaute Menschenwesen hat noch gar kein Geschlecht – der erste Mensch ist ein Erdling, kein Mann, und Adam (von adama, Erdboden) wird erst später zum Eigennamen des ersten Mannes. Das geschieht im Mythos, indem Gott Material von der Seite des Menschen nimmt – man darf sich das durchaus als eine größere Operation vorstellen denn als die Entnahme eines kleinen, entbehrlichen Knochens, bezeichnet zela‘ doch im architektonischen Sinne einen Stützpfeiler und auf den Menschen bezogen eben die Seite, nicht eine Rippe.

Wenn der Verstehenshorizont nun die Interpretation vorgibt, der erste Mensch sei der Mann gewesen – das Verhältnis dieses Mythos‘ zum Weltwissen um die Evolution ist noch einmal eine Geschichte für sich –, dann erscheint die Frau als etwas sekundäres. Diese angenommene Nachrangigkeit steht nicht im biblischen Text, in dem von Ebenbürtigkeit die Rede ist. Leider wird diese Passage aber für die Sonntagslesung am Ersten Fastensonntag A herausgekürzt. Und dieses sekundäre Wesen verursacht dann auch noch die Ursünde – auch das ist eine Interpretation mit einer langen Tradition.

Aber auch hier zeitigt genaues Lesen den überraschenden Befund, dass der Text zwar von Übertretung, aber nicht von Sünde spricht. Der Schlang – die Schlange ist im Hebräischen männlich –, der Gottes Worte verdreht, stellt der Frau nämlich eigentlich ein klassisches biblisches Heiligkeitsprogramm vor: das Öffnen der Augen, die Erkenntnis von Gut und Böse, das Klugwerden und das Werden wie Gott wird sonst nirgendwo als Sünde gelabelt. Ihr werdet sterben, hatte Gott gesagt, wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst. Klug zu werden, wie es der Schlang verspricht, erscheint der Frau als begehrenswert, ebenso begehrenswert wie die Früchte des Baums. Und dann geschieht, was nur ein Wortspiel erschließen kann: Die Frau will klug (‘arum) werden, und sie wird wissend – sie weiß nun, dass sie nackt ist (‘eirum). Nackt, ausgesetzt, verletzlich: So kommt tatsächlich der Tod ins Leben. Ein Kind, das einmal begriffen hat, dass die Oma, von der die Erwachsenen sagen, sie sei gestorben, nie wieder zurückkommen wird, kann nicht mehr hinter diese Erkenntnis zurück.

Das ist schmerzhaft, und es ist schwer, damit zu leben, so schwer, wie das Leben überhaupt, das gefährdet ist und oft mühselig, für die Menschen zur Entstehungszeit der Texte zumal. Von diesem Schmerz hatte der Schlang nichts gesagt – hier liegt der Betrug. Aber von einer Sünde der Frau spricht der Text nicht. Die erste Sünde, von der die Bibel erzählt, ist der Brudermord – ein Akt männlicher Gewalt.

Nacktheit zu erkennen ist im Text keine Strafe, sondern eine Folge der Handlung, und die Handlung selbst hat nicht zum gegenteiligen Effekt ihrer Intention geführt, sondern sie führt eben zu beidem: Zur Erkenntnis, und damit zur Nacktheit, und dann zum ersten Versuch, damit umzugehen. Der Text erzählt, was Menschen erleben, wenn sie sich gewahr werden, wie verletzlich sie sind. Statt der sekundären Überschrift „Sündenfall“, die in ihrer Wortwahl keine Textgrundlage hat, könnte der Text auch die Überschrift tragen „So ist das mit den Menschen“.

An den Werktagen der Leseordnung (5. Woche, Jahr I) wird an Eva nicht gekürzt. Aber in der Sohntagsleseordnung (1. Fastensonntag A) und an diversen Marienfesten wird eben nur ein Teil der ganzen Komposition gelesen, nämlich die Geschichte Evas mit dem Schlang und dem Baum, nicht aber die fein austarierte Geschichte, bei der die Übertretung Evas zwischen der Herleitung der Ebenbürtigkeit von Mann und Frau und der ersten Sünde, dem Brudermord, steht.

Nun ist die Frage, was ein vollständigerer Vortrag auch an Sonntagen und Festen überhaupt bewirken könnte, wo so lang eingeschliffene Verstehensmuster das genaue Hören doch sehr erschweren. Aber es hat Auswirkungen, dass, wo es um die Urform der Sünde geht, an Sonntagen ausschließlich die Szene mit Eva und dem Baum erzählt wird. Dadurch wird eine Interpretation immer wieder reproduziert, die erst in der zwischentestamentarischen Zeit in die Tradition gekommen ist und zu der es von der Textgrundlage her gute Alternativen gibt: Eva ist die Mutter alles Lebendigen.