
Gründonnerstag // Wer war beim letzten Abendmahl dabei?
Matthäus und Markus schreiben: "Er legte sich mit den Zwölf zu Tisch" (Mt 26,20) bzw. "er kam mit den Zwölf" (/Mk 14,17). Lukas hingegen formuliert "Er legte sich zu Tisch und seine Apostel mit ihm." (Lk 22,14) Wir sind es heute gewohnt, die Zwölf, die Jünger und die Apostel als Gruppen gleichzusetzen. Im Zweiten Testament sind dies aber Gruppen, die Überschneidungen haben, aber keineswegs deckungsgleich sind. Das ist unschwer zu sehen, etwa daran, dass Jesus 70 bzw. 72 Jünger*innen aussenden kann, oder dass Paulus auch als Apostel bezeichnet wird und sich auch selbst als solchen begreift. Lukas selbst bezeichnet in der Apostelgeschichte Paulus und Barnabas nur zweimal als Apostel (Apg 14,4.14). Aber diese Benennung bezeugt, dass der Begriff der "Apostel" in den jesusgläubigen Erzählgemeinschaften nicht mit den Zwölf identifiziert wurde.
Nun kann man so weit wie möglich den Text so lesen, dass er Frauen ausschließt. Das heißt, vorauszusetzen, dass Lukas die Zwölf mit den Aposteln identifizieren will, und also meint, dass Jesus mit den Zwölf zu Tisch war. Weiter kann man wie die Einheitsübersetzung ein "Jünger" eintragen, wo es nicht im griechischen Text des Zweiten Testaments steht, und lesen: "Er legte sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch." (Mt 26,20) Dass das ein Eingriff in den Text ist, den nicht alle mitzutragen bereit sind, zeigt die Parallelstelle bei Markus, wo textgetreu übertragen wird: "Er legte sich mit den Zwölf zu Tisch." (Mk 14,17)
Das heißt dann aber immer noch nicht, dass niemand sonst anwesend gewesen sei. Einerseits erzählen die Evangelien auch, dass Jesus mit "seinen Jüngern" isst und ihnen das gebrochene Brot reicht (Mt 26,26 par.) - in den männlichen Sprachformen sind die Frauen aber als mitgemeint zu denken. Dass das nicht funktioniert, sieht man an der Tradition, die mit diesem Mithören offenbar Schwierigkeiten hatte. Und andererseits würde es in Mt 26,56 wohl nicht heißen "Es verließen ihn alle Jünger und flohen" (mathetai pantes) Und: Wo sollen die Frauen denn auf einmal hergekommen sein, die seine Hinrichtung mitansehen? Matthäus und Lukas schreiben, sie seien im "von Galiläa aus nachgefolgt". (Mk 27,55/Lk 23,49) Markus hingegen fasst ihr Nachfolgen noch weiter: nicht erst von Galiläa, sondern schon in Galiläa seien sie ihm nachgefolgt. (Mk 15,42) Ist vorstellbar, dass Jesus mit einer größeren Gruppe von Galiläa nach Jerusalem zieht und sich dann mit zwölf Männern von dieser Gruppe separiert, um mit ihnen allein das Pessachmahl zu feiern? Die kirchliche Tradition hat das lange angenommen: Männer, erwählte Männer unter sich. Aber einen Anhalt in Jesu Mahlpraxis hat das eher nicht, denn diese war inklusiv.
Dennoch muss die Erwähnung der "Zwölf" hier eine Bedeutung haben. Wenn sie nicht ausschließend gemeint sein soll, dann bietet sich hier die Erklärung an, dass es um Fülle geht. Die Zwölf stehen für die endzeitliche Sammlung der zwölf Stämme Israels. Und das Mahl, das gefeiert wird, ist nach den synoptischen Evangelien ein Pessachmahl - nur Johannes sieht das anders, und er hat triftige Gründe dafür, weil er Jesus als Pessachlamm sterben sieht, und bevorzugt die Erzählung dieser Theologie gegenüber der geteilten Erinnerung. Wenn nun das Mahl ein Pessachmahl ist, dann ist es nur folgerichtig, dass die "Zwölf" Erwähnung finden. Damit ist nicht gesagt, dass es nur zwölf Jünger gegeben habe - das ist eine Eintragung der Einheitsübersetzung ins Matthäusevangelium. Und damit - noch einmal - ist auch nicht gesagt, dass sonst niemand da war. Vielmehr mag auch diese Erwähnung der Zwölf hier die Bedeutung dieses Pessachmahls hervorheben, bei dem Jesus in der Darstellung der Synoptiker die Riten des Pessach mit seinem Leben und Sterben verknüpft. Dann aber geht es um die Bedeutung von Jesu symbolischen Gesten, nicht um die Zahl der Mitfeiernden. Auch darum ist es schwer vorstellbar, dass die Frauen dann in der Küche gegessen hätten - das Pessachmahl ist keine Männersache, sondern wird in der Familie gefeiert. Was seine Familie angeht, ist Jesus ja auch klar: Diese hier sind meine Mutter und meine Geschwister (Mk 3,34 par.). Hier fällt nochmals auf, dass die Frauen in den männlichen Sprachformen untergehen: Dass der Plural "Brüder" auch Frauen inkludiert und also besser mit "Geschwister" zu übertragen ist, fällt erst bei der folgenden Formulierung im Singular auf: "Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schvwester und Mutter."
Jesus feiert mit den Seinen. Und indem er das tut, deutet er die alten Riten neu aus: Er wird sein Leben dafür einsetzen, dass die Botschaft von Gottes befreiender Kraft zum Leben trägt, sogar im Sterben und über das Sterben hinaus. Darum ist es Matthäus und Markus wichtig, hier die Zwölf zu erwähnen: Das endzeitliche Israel ist dabei, ist gesammelt, wird in die Freiheit ziehen. Das heißt aber keineswegs, dass dies eine Feier in einem Männerclub gewesen sei, wo Frauen höchstens als Bedienung vorkommen. Die Befreiung gilt allen Menschen. Damit eine ausschließende Tradition zu begründen, heißt, diese Bedeutung zu übersehen und Jesus zum Garanten neuer ausschließender Praktiken zu machen.
Und schließlich: Wäre es eine ausschließlich männliche Mahlgemeinschaft gewesen, dann wären die jesusgläubigen Gemeinden wohl kaum von so viele Frauen geprägt gewesen, die nach dem Zeugnis der Briefe des Zweiten Testaments auch selbstverständlicher Teil der Mahlgemeinschaft waren. Erst mit dem sukzessiven Ausschluss der Frauen verengt sich der Blick.